Uris Tagebuch

5.12.2003 – Israelische Spitaleindrücke
 

Vor unserer Rückkehr nach Israel wurden wir vor dem israelischen Gesundheitswesen gewarnt und seine Schwächen wurden uns in dunkelsten Farben geschildert. Lea hatte einige Jahre vorher in diesem Zusammenhang wirklich Unangenehmes erlebt und ich liess sie seinerzeit mit der Rega zurück in die Schweiz fliegen, im sicheren Bewusstsein, dass die Schweizer Medizin nicht zu überbieten sei. Inzwischen fand ich heraus, dass die Unterschiede vor allem in Nebensächlichkeiten zu finden sind. Grundsächlich war meine schweizerische Überheblichkeit fehl am Platz.

Nun hatte ich selbst Gelegenheit drei Tage im Rambam, Haifas Universitätsspital, zu verbringen. Warum ich dorthin kam, gehört nicht hierher, doch nach einigen Stunden in der Notfallstation wurde ich um drei Uhr früh der medizinische Abteilung A abgeliefert und dort samt Bett im Korridor abgestellt. Es war dunkel, eine Schwester kam und registrierte mich, dann ein Arzt, der mich untersuchte – wie die beiden alles niederschreiben konnten, war mir nicht klar. Dann begannen ein paar Stunden, die mich an Shmuel Shems Buch „House of God“, dem Klassiker moderner Spitalliteratur, erinnerten. Alle paar Minuten schlurfte eine dunkle Gestalt aus einem der Zimmer Richtung Toilette. Nachdem ich, inzwischen an diesen Anblick gewöhnt, nicht mehr darauf achtete, sondern versuchte einzuschlafen, hörte ich unweit neben mir metallene Klopfgeräusche, Stöhnen und Hilferufen  Der Arzt trabte an mir vorbei, hörte es auch, fand aber nichts und lief weiter. Ich dachte, dass jemand im Lift im falschen Stockwerk steckengeblieben war. Dann kamen zwei Krankenschwestern vorbei, die einen Patienten entdeckten, der in einem kleinen Esswagen zwischen zwei Tablaren eingeklemmt war. Wir wunderten uns laut, wie er dort hinein gekommen war. „Shlomo, wie bist du da hinein gekommen?“ fragten sie. Der Alte wusste es auch nicht, er war verwirrt. Mit Mühe befreiten sie ihn, legten ihn oben auf den Wagen und fuhren ihn in sein Zimmer. Kurz darauf wurde es hell.

Um sechs Uhr stellte mir jemand ein Glas Tee mit einem kleinen Cracker auf den Nachttisch. Ich fragte, ob das wirklich das ganze Frühstück sei. Nein, nein, sogar für das Gesundheitsministerium wäre das nicht genügend, wurde mir beschieden. Ich war froh. Das politisierte Gesundheitsministerium scheint kein hohes Ansehen zu geniessen.

Ich durfte bis Nachmittag vier Uhr mit meinem Bett im Korridor bleiben. Es war spannend, doch nach dem Mittagessen hatte ich genug und wollte meine Ruhe.

Zu beobachten gab manches. Die Putzfrauen waren vor allem Russinnen. Es herrscht Sauberkeit, doch anscheinend gibt es noch immer Patienten, die bis heute nicht gelernt haben eine Toilette zu benutzen. Deshalb schickte ich jedes Mal vor einem Besuch dieser Anstalt eine Putzfrau vor. Das Pflegepersonal war gemischter kultureller Herkunft, meist nett und so fand ich, nicht unbedingt überarbeitet. Das kann ein falscher Eindruck sein, doch verglichen mit den gestresst wirkenden Ärzten, hatten sie Zeit Tee zu trinken. Die Ärzte waren mehrheitlich israelische Araber, auch die beiden Oberärzte. Ich wurde von Dr. Riad Machmid betreut, wie sich später herausstellte, einem Familienmitglied von Saids Abu-Shakra Chamula (Grossfamilie), in der er, gemäss Said, als Genie der Familie gilt. Auf jeden Fall betreute er mich sehr gut, war ein Gesprächspartner, der alles erklärte und persönlich dafür sorgte, dass Laborresultate innert Rekordzeit geliefert wurden. Zudem waren einige amerikanische und israelische Medizinstudenten da, die auch an mir üben durften. Shannon und Liz, ein Studentenehepaar aus Ohio im letzten Studienjahr, kümmerten sich auch um mich, vor allem weil ich Englisch sprach und sie sich daher leichter Notizen machen konnten. Die zwei waren herzig anzusehen, wie sie Hand in Hand in weissen Ärztemänteln und umgehängtem Stethoskop den Korridor herauf- und herunterliefen. Das wärmt die Spitalatmosphäre. Es gibt ein Ausbildungsprogramm für Mediziner, das gemeinsam vom New Yorker Touro College und dem Technion in Haifa durchgeführt wird und an dem sie teilnehmen. Eine mir nahestehende Ärztin erklärte mir, dass es für die Aufnahme in dieses Touro Programm keine Aufnahmeprüfung, sondern einen Bankauszug von Papa brauche. Doch da die Abschlussprüfungen ein amerikanisches und ein israelisches Staatsexamen beinhalten, wird die Qualität der Prüflinge hoch genug sein, um sie unbeaufsichtigt auf Patienten loszulassen.

Die Zimmerhierarchie ist nach Seniorität geregelt. Der letzte der eingeliefert wird, liegt am weitesten vom Fenster entfernt und rutscht nach jeder Entlassung dem Fenster näher. In meinem Zimmer wurde ich neben dem Brünneli positioniert, am Fenster (mit Aussicht aufs Meer) lag Ibrahim, der an einer Art Lungenfrass leidet und noch viele Wochen diesen Vorzugsplatz behalten darf. Zwischen uns lag eine Russe, mit dem ich etwas Mühe hatte, mich zu unterhalten. Mein Russisch ist nicht gut genug. Ein paar Minuten nach meiner Ankunft trat ein haredischer Seelenverkäufer ein, lief direkt zum Fensterbett und wollte ein Traktätchen abliefern. Nach einigen Sätzen schien er zu realisieren, dass er bei Ibrahim an der falschen Adresse war und stotterte: „Du bist ja ein äh, äh ....“ sagte er und rannte verwirrt aus dem Zimmer. Ibrahim war zu schwach, um zu lachen.

Die jüdisch-arabische Situation in Israel ist mir nicht neu, doch zum ersten Mal erlebte ich sie als Patient in einem Spital. Ähnlich ist sie im gesamten staatlichen Sozialwesen. Wenn ich sehe, wie integriert israelische Minderheiten als Mitarbeiter aller Stufen und ebenso als Patienten sind, denke ich an antiisraelische Lügenpropaganda, die Israel einen Apartheid-Staat schimpft. Eine Apartheid, in dem arabische Ärzte und Administratoren in die höchsten beruflichen Ränge vorstossen und arabische mit jüdischen Patienten ungefragt zusammengelegt werden, die selbe Betreuung erhalten und sozial miteinander verkehren, in der arabische Patienten jüdische Besucher und jüdische Patienten (wie ich) arabische Besucher erhalten sind Selbstverständlichkeiten, über die nicht geschrieben werden sollte – wäre nicht die internationale Kampagne gegen alles israelische und jüdische, die zwingt Stellung zu nehmen. Hetzer, die das Gegenteil behaupten, wissen nicht – um Jesus zu paraphrasieren – was sie tun. Im Gegensatz zu Jesus vergebe ich ihnen aber nicht. Oder sie sind so bösartig, dass sie bewusst jede Lüge in die Welt setzen, um uns zu schaden. Die Tatsache, dass seit Bestehen des Staates unzählige Menschen aus arabischen Ländern in israelischen Spitälern (ganz besonders, aber nicht nur, in Jerusalem) gerettet worden sind, kann bei dieser Gelegenheit auch noch erwähnt werden. Jeder, der mein Tagebuch liest, weiss, dass es für unsere arabischen Bürger viele Benachteiligungen gibt – ich will nichts weisswaschen - doch mit Apartheid hat das gewiss nichts zu tun.

Ich schlief gut in dieser Nacht. Es wurde spät, denn Ibrahim hatte Besuch bis fast Mitternacht. Zwar wird um Punkt acht Uhr über das Lautsprechersystem das Ende der Besuchszeit verkündet, aber kaum jemand schert sich darum. Um zehn Uhr traf ein jüdischer Krankenbesucher ein, dem zu Ehren ums Fensterbett herum nur noch Hebräisch gesprochen wurde. Dieser Mann, ein Riese mit zerfurchtem Gesicht und einer dröhnenden Raucherstimme beherrschte die Konversation. Um den Hals trug er drei Handys an verschiedenfarbigen Bändern, die der Reihe nach läuteten. Das störte mich weit mehr, als das laute Reden.

Morgens wurde ich wieder mit einem Glass heissem Tee und einem Cracker geweckt. Shannon und Liz kamen um guten Tag zu sagen. Dann kam Dr. Riad. Bei Tageslicht gesehen, sieht er aus wie ein Ayatollah. Er trug einen schwarzen Rollkragenpullover und schwarze Hosen, darüber einen kurzen Ärztekittel. Mit seinem bärtigen Gesicht und der massigen Figur hat er etwas bärenhaftes an sich. Neben dem hochgewachsenen, schlanken, blonden und blauäugigen Shannon, hebt er sich ab – Orient versus Okzident pur. Kontraste gefallen mir immer. Shannon führt über mich Buch, in Englisch, und erklärt mir Dinge, die Dr. Riad zwar ausführlich aber mit zu vielen Fachausdrücken gespickt und deshalb nicht immer verständlich, vorher mitgeteilt hatte. Dr. Riads Engagement für mich, drückte sich in einem vierseitigen Bericht aus, der von unserer Hausärztin entsprechend gewürdigt und kommentiert wurde.

Was missfiel mir an meine Spitalaufenthalt? Vor allem, dass die Zimmertüre immer offen blieb. Etwas mehr Ruhe hätte mir gefallen, doch bin ich nicht sicher, ob alle Patienten so denken.

 


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Paul Uri Russak, 66, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.