Uris Tagebuch


28.4.2004 – Die Seele Israels – eine Buchbesprechung

Zur Feier des israelischen Unabhängigkeitstages fuhren wir gestern nach Eshhar, zu unserer Tochter Dvorit, wo wie überall, im Übermass gegrillt wurde. Alle hatten wir den Plausch, ich traf überraschend einen Freund, wir assen Salate, Hummus, Tehina, Pitabrot und sehr viel gegrilltes Hühnerfleisch und Würstchen. Für die Kinder waren aufblasbare Spielanlagen und anderes aufgestellt, Dvorit brachte ihre Tierchen – die Kinder gingen mit Schlangen um den Hals spazieren und die Tiere überlebten das alles ohne Schaden.

Ich weiss nicht, ob mein Eindruck stimmt, doch schien mir noch nie so viele israelische Flaggen gesehen zu haben, vielleicht als Reaktion auf die fast weltweite Feindschaft gegenüber unserem Land, seinem Volk und den Juden in der restlichen Welt. Wie ich schon früher erwähnt hatte, mag ich Fahnen und andere Ausdrücke patriotischer Gesinnung nicht besonders, ob in Israel, in den USA oder in der Schweiz, doch erstens habe ich mich damit für den israelischen Nationalfeiertag abgefunden und finde es sogar am Platz. Gestern sprach ich mit unserer Freundin Aviva über die fahnenschweren Demonstrationen israelischer KZ-Touristen in Polen und sie brachte mir eine Erklärung vor, die mir zwar weniger (aber doch) für die Holocausttouristen, aber sehr für die heutige Unabhängigkeitsfeier einleuchten – man zeigt der Welt den Mittelfinger und teilt ihr so mit, dass man vom Holocaust Wege zum Überleben gelernt hat und ein solcher nicht ein zweites Mal stattfinden wird. Die heutigen Juden in Israel, in den USA und es soll sogar welche in Europa geben, werden sich mit allen, auch den modernsten Möglichkeiten, wehren. Was ich hier schreibe ist kein Rechtsrutsch in irgendwelchen politischen Ansichten, bestenfalls ein gewisser Stolz auf das bisher von diesem Staat geleistete, zu dem nicht nur die bei seinen Gegnern so populäre Wehrhaftigkeit gegenüber einer auf uns gerichtete Feindschaft, die von Europäern perfektioniert und danach nahtlos von der arabisch-muslimischen Gesellschaft übernommen worden und in den letzten rund zehn bis zwanzig Jahren von Teilen der westlichen Gesellschaft mit Hilfe der heute dort ansässigen Jihadisten wiedereingeführt worden ist.

Gestern las ich im soeben von der Post gebrachten Tachles im Editorial von Yves Kugelmann über ein Grossinserat in der Zürcher Tageszeitung „Tages-Anzeiger“, das Israel, so steht es, in übelster Verlogenheit des Völkermordes anklagte und behauptet, dass Israel ausser Gaskammern alle Technologien der Nazis gegen die armen Palästinenser anwende. Was gedenken die Schweizer Juden dazu zu unternehmen? Mit phantasievollen Begründungen verteidigt sich die Zeitung, einer schiebt dem andern die Verantwortung zu, am Ende wird wohl eine Sekretärin oder der Ausläufer als dafür Verantwortlicher entlassen. Beim Durchblättern des Tachles, in der auch sonst noch Interessantes zu lesen ist, bemerkte ich auf einmal, dass der 56. Unabhängigkeitstag Israels nirgends erwähnt wird, mit Ausnahme der ersten drei Zeilen des Editorial – es sei den ich hätte mich geirrt. Ist ein „versehentlicher“ und erst noch gut bezahlter Hassausbruch im Inseratenteil einer Tageszeitung von höherer Priorität? Es geht nicht nur ums feiern, sondern um den Mut zur Stellungnahme. Wird Israel (nicht nur falsch sondern auch bösartig) von der Aussenwelt völlig auf Arik Sharon und kolonialistische Siedler der Westbank und im Gazastreifen reduziert. Wird prinzipiell jedes Recht dieses Staates zur Selbstverteidigung abgelehnt? Wird auf den momentanen Problemen herumgeritten anstatt eines der wenigen geschichtlichen Erfolgsereignisse des vergangenen Jahrhunderts, die Gründung Israels zu feiern?

Womit ich zu einem Thema gekommen bin, dem mich zu stellen mir in den letzten Wochen schlicht die Energie fehlte. Was ich hier schreibe, ist meine eigene, subjektive Meinung und diese auszudrücken fällt mir hier schwer. Vor einem guten Monate stellte mein Freund Ernst Goldberger in Tel Aviv sein Buch „Die Seele Israels“ der Öffentlichkeit vor. Dieses Buch, die Arbeit von vier Jahren, ist eine Sammlung negativer Eindrücke und Tatsachen über Israels Politik und Gesellschaft. Jean Ziegler, der schweizerische Schweizerhasser und Busenfreund von Saddam Husseins, hat in verschiedenen Büchern einzelne negative Phänomene schweizerischen Wirtschafts- und Gesellschaftslebens an den Pranger gestellt. Ernest Goldberger tat etwas ähnliches über Israel, weit akribischer und umfangreicher, sich nicht auf ein einzelnes Thema begrenzend, sondern das Land als ganzes einbeziehend. Es geht mir nicht darum, die vielen Einzelthemen, die Ernest Goldberger über fast fünfhundert Seiten bespricht anzuzweifeln – ich bin bereit zuzugestehen, dass die Fakten mehrheitlich stimmen und jedem, der sich mit Israel befasst zu mindestens im weiteren Rahmen bekannt sein dürften.
Aber, wie Georges Szpiro von der NZZ während der Buchvernissage mit Nachdruck bemerkte, fehlt in diesem Werk die Hälfte. Es ist, trotz seines Umfanges, unvollständig – denn Israel ist nicht selektiv auf eine grosse Zahl negativer Vorkommnisse und Entwicklungen zu reduzieren. Diesem Buch fehlt prinzipiell alles, das auch nur den Schatten einer positiven Entwicklung anerkennt, auf dem Hintergrund seiner Entstehung, seiner geographischen, geschichtlichen, kulturellen Gegebenheiten erreicht wurde. Vor allem wird von der grundsätzlich feindseligen Umgebung nicht gesprochen. Es fehlt das Behandeln der einmaligen solidarischen Leistung fast der gesamten jüdischen Welt, die zur Entstehung dieses einmaligen Staates beigetragen hat, eine Leistung, die bis heute anhält, auch wenn sie sich in Wellen bewegt. Vom internationalen arabisch-islamistischen Terror gegen den Westen und die Moderne kann in diesem Zusammenhang nicht abgesehen werden, auch wenn die "Neue Linke" inklusive ihren jüdischen Mitläufern dies bestreiten, da es ihrer Ideologie widerspricht. Es fehlt der Hinweis auf den wieder aufkommenden Judenhass. Es fehlt die Würdigung der Integration jüdischer Einwanderer und Flüchtlinge als gesellschaftliche Leistung, das Erstellen eines Netzes zur sozialen Sicherheit für alle, das Schulgesetz und die Errichtung einer offenen demokratischen Gesellschaft, in die, ob es Goldberger passt oder nicht, auch die arabische und andere Minderheiten gehören. Ebenso fehlt die Würdigung von Israels wirtschaftlicher Entwicklung westlichen Stils und Erfolgs, die überhaupt nicht in die Region des Mittleren Ostens passt. Da ich mich gerade mit der Situation der Araber und Drusen im Staate intensiv auseinandersetze, möchte ich mich mit dem Kapitel „Von der Juden- zur Araberfrage“ ein klein wenig näher befassen. Es ist eine geschichtliche Tatsache, dass zu Zeiten Herzls, in der hohen Zeit des europäischen Kolonialismus, der Zionismus eine Entwicklung kolonialistischen Gedankengutes war, die damals ansässigen südsyrischen Araber (der Ausdruck „Palästinenser“ war eine Erfindung aus der Zeit nach dem Sechstagekrieg, bis 1948 waren die Palästinenser Juden, bis sie durch die Staatsgründung zu Israelis mutierten. In diese Bezeichnung werden seither auch die Minderheitenbürger des Staates eingeschlossen) waren „Eingeborene“, sie wurden weitgehend übersehen und die Idee, man könnte eine bestehende Einwohnerschaft verdrängen kam kaum je auf, sie war in jener Zeit kein Thema.

Der Autor regt sich auf, dass die Minderheiten nicht untereinander leben, sondern in getrennten Dörfern und Städten wohnen. Das ist so in den USA wo die verschiedenen ethnischen Gruppen in separaten Quartieren wohnen und dies so wollen. Das ist so in Zürich, man denke z.B. an die Ballungen der orthodox-jüdischen Schweizer in Zürich-Wiedikon. Es gibt einzelne arabische Bürger, die, vom Höchsten Gericht unterstützt versuchen in jüdischen Orte einzuziehen, sie werden sowohl von den Juden als auch von ihren eigenen Leuten abgelehnt. Das ist schade, denn eine Mischung der Einwohnerschaft wäre ein weltweites Ideal, das die konservative Mehrheit der Betroffenen abgelehnt. Die amerikanische „Melting Pot“ Theorie hat auch in diesem Land versagt, Muslime, Christen, Juden, Drusen, Tscherkessen wollen unter sich wohnen und die Möglichkeit aus dieser Situation auszubrechen wird vielleicht unter zukünftigen Mitgliedern der jeweiligen gebildeten Elite möglich sein – heute gibt es einige arabische Künstler, die sich der jüdischen Gesellschaft mehr deshalb angeschlossen haben, weil sie von der eigenen muslimischen Sozietät nicht mehr vollständig akzeptiert werden, jedenfalls solange sie keine finanziellen oder gesellschaftlichen Erfolge vorzuweisen haben.

Das sind Tatsachen, auf denen Goldberger herumreitet, ohne sich die Mühe zu nehmen, sie näher zu untersuchen und Hintergründe herauszuschälen. Auch mischt er Drusen und Araber, ohne sich bewusst zu sein, dass diese beiden Minderheiten (obwohl „biologisch“ Araber) im Staat eine unterschiedliche Anerkennung geniessen. Gewollt oder ungewollt, haben sie als Bürger andersartige Stellungen erreicht. Lange nicht alles ist die Schuld der Regierung des jüdischen Staates. Die arabische Minderheit Israels umfasst gegen 20 Prozent der gesamten Einwohnerschaft und sollte demgemäss eine entsprechende Vertretung im Parlament haben. Das wären bis zu 24 arabische Abgeordnete. Heute gibt es rund zehn arabische Abgeordnete, auf verschiedene Parteien verteilt und ohne wirklichen Einfluss auf die staatliche Politik. Diese arabischen Knessetmitglieder kümmern sich nicht um das Wohlergehen ihres eigenen Volkes, sondern betreiben vorwiegend antiisraelische pro-palästinensische Politik – wie mir ein Freund sagte, gehen einige von ihnen mit Arafat ins Bett.
Die arabischen Bürger Israel halten es in ihrer Hand ihre demokratischen Freiheiten zu nutzen, in Parlamentswahlen eine arabische Konstellation von Partei(en) und Knessetabgeordneten zu errichten, die ihre demokratischen Pflichten ihren eigenen Wählern gegenüber wahrnehmen würde. Eine solche Möglichkeit gibt es in keinem einzigen arabischen Land auch nur im entferntesten. Gerade darin liegt einer der Gründe arabischer Feindschaft gegenüber Israel. Eine parlamentarische Vertretung, die auf das Wohlergehen ihrer Wähler ausgerichtet wäre, würde den Staat zwingen, den Minderheiten ihre vollen politischen und wirtschaftlichen Rechte zuzusprechen. Im Sozialwesen (Krankenversicherung, Altersvorsorge) sind sie schon längst integriert. Vor allem die muslimisch-arabische Gesellschaft ist lethargisch, es fehlt ihr Verständnis und Tradition für demokratische Abläufe. Es wird noch sehr viel Überzeugungsarbeit von Seiten aufgeklärter, kulturell aufgeschlossener Araber brauchen, diese Situation zu ändern. Einer Aufgabe, die nicht uns „wohlmeinenden“ jüdischen Linken wahrgenommen werden darf, da diese von vorneherein als paternalistische Einflussnahme kontraproduktiv wirken würden. Wie bei uns Juden in der Vergangenheit und Gegenwart, müssen Wege gefunden werden, Religion und Tradition zu relativieren, wenn nicht zu umschiffen, damit ein demokratisches Leben gelebt werden kann.

Goldberger hat keine These zu seinem Thema. Er beschreibt mit Akribie sorgfältig ausgesuchte Tatsachen, ohne aber auf die Frage des Warum einzugehen oder gar Lösungen anzubieten. Ich weiss, dass der Ausdruck „Demographie“ dem Autor ein Gräuel ist, aber nur, wie vieles anderes, im Zusammenhang mit Israel, denn ist ein Instrument zu Steuerung gesellschaftlichen Zusammenlebens – so lange dies möglich ist. Die Geschichte des jüdischen Volkes hat es gelehrt, dass es einen jüdischen Staat braucht. Die Moderne, von Juden erheblich mitgeprägt, hat die Möglichkeit der Demokratie geliefert, damit der Staat nicht in eine Theokratie verfällt. Davon sollten auch die israelischen Minderheiten profitieren. Der Kampf gegen reaktionären nationalistischen Religionswahn jeder Provenienz sollte daher eine der Hauptaufgaben des Staates Israel und seiner Bürger sein.

Trotz seriös recherchierten Fakten ist Ernest Goldbergers Buch zu einem Handbuch für all jene geworden, die Israel an den Karren fahren wollen. Solange die oben erwähnten ausstehenden 50 Prozent des Buches fehlen, ist es nicht nur unvollständig, sondern der Ausdruck einer grundsätzlichen Antipathie gegenüber Israel und einer sonderbaren Haltung eines Juden zu seinem Land oder mindestens dem Land, in welchem er lebt. Die Auswahl der Themen und Fakten, besonders aber der Titel des Buches "Die Seele Israels" könnte falscher nicht sein. Ausgewogene Beschreibungen gibt es nicht. Doch Goldberger müsste sich dazu durchringen, fair über dieses Land zu berichten und politische Publikationen von Seelenhygiene eines verwirrten und enttäuschten Menschen scharf zu trennen.
 


Zum Archiv Uris Tagebuch
 

Paul Uri Russak, 66, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.


Zurück