Uris Tagebuch

 

24.11.2004 – die Konservativen in Zichron und Strassenkontrollen

Das moderne Judentum in Zichron Ya’akov wächst – gestern Abend fand die Einweihung der konservativen Synagoge statt. Da wir mit Baruch, dem Präsidenten der Gemeinde „Ahava“, und seiner Frau Ariella eng befreundet sind, gingen wir hin. Das konservative Judentum ist weltweit gesehen die kleinste der drei jüdischen Strömungen, wir Reformjuden sind die zahlreichsten, die Orthodoxen und Konservativen liegen abgeschlagen auf Platz zwei und drei. Bei dieser Rangliste gibt selbstverständlich das amerikanische Reformjudentum den Ausschlag, ohne diese wären wir eine Sekte, mit ihnen sind wir Teil der Reformbewegung. Einige von uns sehen das als politische Aufgabe der jüdischen Erneuerung und dem Leben in der Moderne, für andere reduziert sich das Reformjudentum zum erbaulichen Gottesdienst, gelegentlichen Schiurim und einem sicheren Platz auf dem Friedhof, alles ohne jüdische Verpflichtungen. In Israel sind die Konservativen mit den gleichen Problemen konfrontiert wie wir Reformjuden – der Staat, von der Orthodoxie erpresst, darf sie nicht anerkennen, auch wenn der säkulare Innenminister dies gelegentlich versucht. Deshalb versuche ich auf lokaler Ebene in verschiedenen Gebieten die zwei Gemeinden zur Zusammenarbeit zu bewegen, eine Idee, die bisher gescheitert war, doch mit der neuen Konstellation wieder möglich sein sollte. In der Lokalpolitik ist ein gemeinsamer Auftritt zwingend, denke ich. Auf nationaler Ebene finden Kooperationen statt, ganz besonders in zivilrechtlichen Anliegen. Immerhin, die neue Gemeinde hat, im Gegensatz zu unserer, einen Rabbiner. Der, so schien mir, hat sehr viel Pfeffer unter dem Hintern und reisst die Leute mit. Um einen allfälligen Verdacht der Abtrünnigkeit vom Reformjudentum zu entkräften, sei hier festgestellt, dass mein Bedarf an Religion seine Grenzen im Rahmen unserer Reformgemeinde vollkommen erreicht hat. Mindestens so wichtig ist auch, dass bei unserer Integration in Zichron Ya’akov die Reformgemeinde „Sulam Ya’akov“ für Lea und mich eine ganz grosse Rolle gespielt hat und noch immer spielt.

Ebenfalls gestern leistete ich meinen polizeilichen Nachtdienst. Zum ersten Mal nahm ich an einer Strassenkontrolle teil und durfte mit einer grossen, mit Rotlicht versehenen Taschenlampe Autos anhalten. Meine elegant-zackigen Armbewegungen unterschieden sich stark vom üblichen wilden Gefuchtel israelischer Standardpolizisten – was von meinen Kollegen neidlos anerkannt wurde. Diese Tätigkeit vermittelt ein Machtgefühl sondergleichen und ich weiss jetzt, wie sich der kleinste Staatsbeamte fühlen kann – sollte er derartige Neigungen besitzen. Denn das Selbstwertgefühl, bei vielen tief oder unterdrückt, kann bei solchen Gelegenheiten ins Grenzenlose steigen. Kein einziger der von mir Angehaltenen verweigerte sich meinem Signal. Alle fuhren folgsam an den Strassenrand, rollten das Fenster herunter und sahen mich fragend an. Ich lernte auf was in den Fahrzeugausweisen und Führerscheinen zu achten ist, wie man über den Polizeicomputer Fahrzeugnummern und Lenker überprüft. Ich lernte die Systematik dieser Kontrollen – es war keine Strassensperre, sondern nur ein freundliches Anhalten ausgesuchter Autos und ihrer Insassen. Nicht ein einziger Lenker regte sich auf, wurde ausfällig oder gar gewalttätig. Wir von der Schmier blieben höflich und unsere Kunden auch. Wir waren zu fünft, unsere zwei Polizeiautos standen im Leerlauf bereit allfällige Fluchtwagen mit Blaulicht und Sirene zu verfolgen. Ich hatte Pech, nichts derartiges fand statt. Ausser mir selbst, der von seiner Frau liebevoll gezwungen worden war, sich warm zu kleiden, froren alle. Meine Fahrerin Miri (ich fuhr, wie die Amerikaner sagen, „Shotgun“ und war für den Funk zuständig), stand in ihren Filzfinken, da sie auf einen solchen Einsatz nicht vorbereit gewesen war. Ein anderer trug Wollhandschuhe und brachte es auch damit fertig, kontrollierte Autos auf einer Liste zu notieren. Ein anderer gab uns von der gegenüberliegenden Strassenseite mit seinem M-1 Karabiner Deckung. Diese Tätigkeit gefiel mir viel besser als Patrouillen fahren. Man bewegt sich, sieht neue Gesichter und die Zeit geht schneller vorbei. Schon um Mitternacht war ich wieder zu Hause.


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Paul Uri Russak, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.


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