Uris Tagebuch
 

24.10.2003 - Ansichten eines Politikveteranen
 

Der gestrige Tag war ungemein hektisch. Wenn nicht gerade Besuch im Haus war, dann war es ein Handwerker, der einen Trinkwasserfilter einbaute, der das lächerlich teure Mineralwasser ablösen soll. Dann hatte wir Jacov und Nili Sandler und abends Shai und Dana Pollak, Michali Freunde mit der kleinen Tochter Amit.
Jacov Sandler ist seit Jahrzehnten mit der Arbeitspartei, der früheren Mapai, verbunden und stand Itzchak Rabin nahe. Allerdings, ausser seinen vier Jahren als Bürgermeister Rechovots, hat er sich nie als Politiker betätigt, Sport war ihm lieber. So war er einmal Nationaltrainer der israelischen Handballteams und ist heute wieder in der Sportförderung aktiv.
Aber politische Ansichten hat er trotzdem und diese sind interessant. Jacov misstraut den Palästinensern völlig. Seitdem diese das Friedensangebot von Ehud Barak, das die Übergabe der fast gesamten besetzten Westbank und des halben Jerusalem beinhaltete, ausschlugen und Massenmord und Judenhass vorzogen, findet er Verhandlung zur Zeit überflüssig. Im Gegensatz zu
Likudpolitikern will Jacov die Westbank und Gaza loswerden, denn deren Alternative, dort einen Apartheidstaat einzurichten ist für ihn abstossend. Den Palästinensern gehört ein Staat, doch nicht auf den Gräbern israelischer Juden. Seine Theorie liest sich wie folgt:
· Fertigstellung des Sicherheitszauns unter Einbezug möglichst vieler Palästinenser auf dessen östlicher Seite, sogar wenn das einige arabische Bürger Israels betreffen könnte. Er traut diesen nicht.
· Es sei völlig unwichtig, ob dieser Zaun, von den heutigen Antizionisten und „kritischen“ Juden „Mauer“ genannt, ein paar hundert Meter östlich oder westlich der Grünen Linie stehe. Diese Aktion soll unilateral von Israel durchgeführt werden und beinhaltet ungefähr das Gebiet, das vor drei Jahren von Ministerpräsident Ehud Barak angeboten und von Arafat ausgeschlagen worden war. Im Jordantal soll Israel seine Zivilbevölkerung abziehen, doch Israel muss eine starke Militärpräsenz lassen, die Palästina von Jordanien trennen soll. (Man könnte auch sagen, dass sie Jordanien vor den
Palästinensern schützen soll. PUR.). Dazu gibt es einen Grund.
· Jacov ist überzeugt, dass die Palästinenser einen längerfristigen Plan verfolgen, der sich gegen Israel wie auch gegen Jordanien richtet. Erst einen palästinensischen Staat mit freien Übergängen, der im Laufe der Jahre zur Vereinigung mit Jordanien und der Liquidierung dessen Monarchie führen soll. Dieses palästinensische Jordanien auf beiden Seiten des Jordans, mit seiner demographisch übermächtigen palästinensischen Bevölkerung würde sich dann daran machen, Israel zu erobern und alle drei Teile (Israel, Westbank und Jordanien) in den palästinensisch-jüdischen Zweivölkerstaat
Grosspalästina zu formen. Die Juden würden so zur Minderheit, die bald vor allem auf den Friedhöfen zu finden wäre. Jordaniens Bevölkerung besteht schon heute aus fast 80% Palästinensern, eine jedem Fachmann bekannte Tatsache und Problematik. Jordanien ist der einzige arabische Staat, der palästinensischen Flüchtlingen die Staatsbürgerschaft gab und sie in seinen Staat integrierte. Dass Arafat und seine Mannen dafür das Königreich zu unterwandern versuchten, einen blutigen Bürgerkrieg verursachten und schlussendlich herausgeworfen wurden gehört der Geschichte an.
· Die von Israel unilateral vorgenommene Trennung von seinen palästinensischen Nachbarn beinhaltet die von Israel endgültigen Grenzen (die bestenfalls später um einige Details angepasst werden könnten), sind grundsätzlich nicht verhandelbar. Take it or leave, soll die Botschaft an das palästinensische Volks sein. Wollt ihr Frieden, so die Meinung Yacovs gegenüber den Palästinensern, dann nur zu unseren Bedingungen, denn sonst seit ihr eine Gefahr für uns, Jordanien und die ganze Region.

Ich bin mit Yacov Theorien, die bestimmt nicht aus der Luft gegriffen sind, grundsätzlich einverstanden, Teile davon habe ich auch schon im Tagebuch dargelegt. Womit ich aber gar nicht einverstanden bin, ist Yacovs Abneigung gegen israelische Araber, denen es zwar im Vergleich zur arabischen Bevölkerung aller arabischen Ländern unvergleichlich viel besser geht, doch auf Grund historischer Fehler aller israelischer Regierungen (und auch ihrer eigenen Politikern) in die Situation einer zweitklassigen Bürgerschaft gerieten. Dafür muss der jüdische Staat gerade stehen.
Jacov hatte mir seine politische Meinung vorgedonnert, als stände er am Rednerpult einer Wahlversammlung. Vielleicht fehlt ihm die Politik trotz gegenteiliger Beteuerung.
Mit dem Genfer Friedensabkommen hat Jacov nichts am Hut. Erstens findet er es einen ausschliesslichen Egotrip von Jossi Beilin, der nichts bringe. Solche Aktionen bringen, im Gegensatz zu früheren Friedensverhandlungen, nicht einmal mehr Hoffnungen auf. Zweitens, solange den Palästinensern und ihren Politikern nicht zu trauen sei, sind solche Abkommen das Papier nicht
wert, auf denen sie geschrieben sind. Auf meine Frage, was er über den Palästinenser Sari Nusseibeh denke, meinte Jacov, dass Nusseibeh ein guter Mensch sei, aber kein akzeptierter Palästinenser, von seinem Volk nicht für voll genommen und eher mit einem Oxford Professor zu vergleichen, weit mehr europäisch als arabisch. Allein auf weiter Flur. Das bezweifle ich, denn der
Ayalon-Nusseibeh Plan hat immerhin schon über 60'000 palästinensische Unterschriften erreicht. Er hat, im Gegensatz zum Genfer Abkommen keine politischen Prätentionen sondern will einfach die Regierungen beider Seiten mit einer gewaltigen Zahl Befürwortern konfrontieren. Dazu braucht es noch viel Zeit und viel Arbeit, nicht für professionelle Profilneurotiker, sondern für Leute aus dem Volks, die das durch harte eigene Arbeit vorwärtstreiben. .
 


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Paul Uri Russak, 66, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.