|
Der gestrige Tag war ungemein hektisch. Wenn nicht
gerade Besuch im Haus war, dann war es ein Handwerker, der einen
Trinkwasserfilter einbaute, der das lächerlich teure Mineralwasser ablösen
soll. Dann hatte wir Jacov und Nili Sandler und abends Shai und Dana
Pollak, Michali Freunde mit der kleinen Tochter Amit.
Jacov Sandler ist seit Jahrzehnten mit der Arbeitspartei, der früheren
Mapai, verbunden und stand Itzchak Rabin nahe. Allerdings, ausser seinen
vier Jahren als Bürgermeister Rechovots, hat er sich nie als Politiker
betätigt, Sport war ihm lieber. So war er einmal Nationaltrainer der
israelischen Handballteams und ist heute wieder in der Sportförderung
aktiv.
Aber politische Ansichten hat er trotzdem und diese sind interessant.
Jacov misstraut den Palästinensern völlig. Seitdem diese das
Friedensangebot von Ehud Barak, das die Übergabe der fast gesamten
besetzten Westbank und des halben Jerusalem beinhaltete, ausschlugen und
Massenmord und Judenhass vorzogen, findet er Verhandlung zur Zeit
überflüssig. Im Gegensatz zu
Likudpolitikern will Jacov die Westbank und Gaza loswerden, denn deren
Alternative, dort einen Apartheidstaat einzurichten ist für ihn abstossend.
Den Palästinensern gehört ein Staat, doch nicht auf den Gräbern
israelischer Juden. Seine Theorie liest sich wie folgt:
· Fertigstellung des Sicherheitszauns unter Einbezug möglichst vieler
Palästinenser auf dessen östlicher Seite, sogar wenn das einige arabische
Bürger Israels betreffen könnte. Er traut diesen nicht.
· Es sei völlig unwichtig, ob dieser Zaun, von den heutigen Antizionisten
und „kritischen“ Juden „Mauer“ genannt, ein paar hundert Meter östlich
oder westlich der Grünen Linie stehe. Diese Aktion soll unilateral von
Israel durchgeführt werden und beinhaltet ungefähr das Gebiet, das vor
drei Jahren von Ministerpräsident Ehud Barak angeboten und von Arafat
ausgeschlagen worden war. Im Jordantal soll Israel seine Zivilbevölkerung
abziehen, doch Israel muss eine starke Militärpräsenz lassen, die
Palästina von Jordanien trennen soll. (Man könnte auch sagen, dass sie
Jordanien vor den
Palästinensern schützen soll. PUR.). Dazu gibt es einen Grund.
· Jacov ist überzeugt, dass die Palästinenser einen längerfristigen Plan
verfolgen, der sich gegen Israel wie auch gegen Jordanien richtet. Erst
einen palästinensischen Staat mit freien Übergängen, der im Laufe der
Jahre zur Vereinigung mit Jordanien und der Liquidierung dessen Monarchie
führen soll. Dieses palästinensische Jordanien auf beiden Seiten des
Jordans, mit seiner demographisch übermächtigen palästinensischen
Bevölkerung würde sich dann daran machen, Israel zu erobern und alle drei
Teile (Israel, Westbank und Jordanien) in den palästinensisch-jüdischen
Zweivölkerstaat
Grosspalästina zu formen. Die Juden würden so zur Minderheit, die bald vor
allem auf den Friedhöfen zu finden wäre. Jordaniens Bevölkerung besteht
schon heute aus fast 80% Palästinensern, eine jedem Fachmann bekannte
Tatsache und Problematik. Jordanien ist der einzige arabische Staat, der
palästinensischen Flüchtlingen die Staatsbürgerschaft gab und sie in
seinen Staat integrierte. Dass Arafat und seine Mannen dafür das
Königreich zu unterwandern versuchten, einen blutigen Bürgerkrieg
verursachten und schlussendlich herausgeworfen wurden gehört der
Geschichte an.
· Die von Israel unilateral vorgenommene Trennung von seinen
palästinensischen Nachbarn beinhaltet die von Israel endgültigen Grenzen
(die bestenfalls später um einige Details angepasst werden könnten), sind
grundsätzlich nicht verhandelbar. Take it or leave, soll die Botschaft an
das palästinensische Volks sein. Wollt ihr Frieden, so die Meinung Yacovs
gegenüber den Palästinensern, dann nur zu unseren Bedingungen, denn sonst
seit ihr eine Gefahr für uns, Jordanien und die ganze Region.
Ich bin mit Yacov Theorien, die bestimmt nicht aus der Luft gegriffen sind,
grundsätzlich einverstanden, Teile davon habe ich auch schon im Tagebuch
dargelegt. Womit ich aber gar nicht einverstanden bin, ist Yacovs
Abneigung gegen israelische Araber, denen es zwar im Vergleich zur
arabischen Bevölkerung aller arabischen Ländern unvergleichlich viel
besser geht, doch auf Grund historischer Fehler aller israelischer
Regierungen (und auch ihrer eigenen Politikern) in die Situation einer
zweitklassigen Bürgerschaft gerieten. Dafür muss der jüdische Staat gerade
stehen.
Jacov hatte mir seine politische Meinung vorgedonnert, als stände er am
Rednerpult einer Wahlversammlung. Vielleicht fehlt ihm die Politik trotz
gegenteiliger Beteuerung.
Mit dem Genfer Friedensabkommen hat Jacov nichts am Hut. Erstens findet er
es einen ausschliesslichen Egotrip von Jossi Beilin, der nichts bringe.
Solche Aktionen bringen, im Gegensatz zu früheren Friedensverhandlungen,
nicht einmal mehr Hoffnungen auf. Zweitens, solange den Palästinensern und
ihren Politikern nicht zu trauen sei, sind solche Abkommen das Papier
nicht
wert, auf denen sie geschrieben sind. Auf meine Frage, was er über den
Palästinenser Sari Nusseibeh denke, meinte Jacov, dass Nusseibeh ein guter
Mensch sei, aber kein akzeptierter Palästinenser, von seinem Volk nicht
für voll genommen und eher mit einem Oxford Professor zu vergleichen, weit
mehr europäisch als arabisch. Allein auf weiter Flur. Das bezweifle ich,
denn der
Ayalon-Nusseibeh Plan hat immerhin schon über 60'000 palästinensische
Unterschriften erreicht. Er hat, im Gegensatz zum Genfer Abkommen keine
politischen Prätentionen sondern will einfach die Regierungen beider
Seiten mit einer gewaltigen Zahl Befürwortern konfrontieren. Dazu braucht
es noch viel Zeit und viel Arbeit, nicht für professionelle
Profilneurotiker, sondern für Leute aus dem Volks, die das durch harte
eigene Arbeit vorwärtstreiben. .
|