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Gestern fuhren wir zu Dritt nach Tel Aviv. Zusammen mit
Hani Hasisi und seinem Bruder Malek aus Daliat Al-Carmel, fuhr ich zu
Ephraim Sneh, Knessetmitglied, gelernter Arzt, ehemaliger General,
Transportminister, Vizeverteidigungsminister und Mitglied der
Arbeitspartei. Heute ist er, ausser seinem Parlamentsmandat, arbeitslos.
Doch hat er ein schönes, wenn auch sehr enges Büro mit drei Angestellten.
Der Zweck des Besuches war mir nicht ganz klar, er war im Zusammenhang mit
dem Holocaustprojekt der Hasisi-Brüder – sie wollen politische
Unterstützung und die Kontakte prominenter Politiker nutzen. Hani ist
Mitglied der Zentrale der Arbeitspartei, kennt die meist überalterte
Parteiführung und will diese informieren. Ich nehme mir immer wieder vor,
nicht persönlich in einer drusisch-arabischen Holocaust Organisation in
Erscheinung zu treten, hätte deshalb wohl nicht mit fahren sollen, doch
die Neugier übermannte mich – ich habe Gelegenheit ein paar prominente
Politiker des Landes kennenzulernen, sie bei Vornamen nennen zu dürfen und
mit ihnen Kaffee zu trinken. A propos Kaffee trinken – wir sind nun dazu
zu Shimon Peres eingeladen. Ob das wirklich stattfinden wird, werden wir
sehen, der nächste Besuch ist nächste Woche beim Knessetmitglied Itzchak
Herzog.
Zurück zu Ephraim Sneh. Wir fanden ihn eingeklemmt hinter einem riesigen
Schreibtisch, der fast die Hälfte der Bürofläche einnahm. Eng war es,
Ephraim Sneh konnte sich aus seinem Direktorenstuhl kaum erheben, doch er
tat es dennoch, denn Ephraim ist ein höflicher Mensch. Erst erklärte er
uns die Pläne seiner Partei zurück an die Macht zu kommen. Das Projekt
2007 (2007 sind die nächsten ordentlichen Knessetwahlen) beinhaltet vor
allem die Verjüngung der Parteispitze und der Parlamentskandidaten für
diese Wahlen. „Es muss auch ohne Ephraim (Sneh), ohne Fuad (Ben Elieser),
ohne Ramon und sogar ohne Shimon (Peres) gehen", sagte er. Nach den
nächsten Wahlen seien 30% der Knessetabgeordneten neu und jung“, sagte
Ephraim Sneh. Immerhin hin hat er genügend Selbstironie, sich hier
einzuschliessen. Es scheint ihn nicht auf einen sofortigen Ministerposten
zu drängen, er scheint sich damit abgefunden zu haben.
Auch als ich ihm sagte, ich sei bisher eigentlich Meretzwähler gewesen (Meretz
ist die linkste aller Parteien, was aber in diesem Land nicht allzu viel
heisst), meinte er, das sei ihm egal und er respektiere das. Ephraim (ich
darf ihn duzen) wollte zuallererst wissen, ob wir für den Holocaustverein
Geld brauchen und nahm erstaunt zur Kenntnis, dass dies wenigstens
vorläufig nicht der Fall sei. Mein Argument, dass die Drusen für ihre
Aktivitäten kein Geld aus jüdischen Kreisen annehmen sollten verstand er
nicht. Ob ihm meine Erklärung, dass damit den Drusen mit einer Behauptung
aus arabischen Kreisen, sie seien von uns Juden abhängig und gesteuert ein
Strick gedreht werden könnte, verstand er nicht. Allerdings wurde ich auf
dem Heimweg von Hani und Malek plötzlich doch verstanden, aber da zur Zeit
Finanzielles kein Thema ist, wird es nicht sehr diskutiert. Später
vielleicht, wenn alles läuft und die Aktivitäten akzeptiert sind, kann
auch ich meine Meinung revidieren. Ephraim schlug vor Zeugen des
Holocausts in arabische Schulklassen einzuladen, dort Zeugnis abzulegen
und es durch Filme darüber zu belegen. Das sei die effektivste und
überzeugendste Art und Weise, die arabische Gesellschaft Israels (die
gemäss Hani den Holocaust zu 80% leugnet) über ihre Kinder den Fakten des
Holocausts zu stellen. Mir kam dabei Erika Rothschild aus Zürich in den
Sinn, die vor Jahren mit viel Erfolg als Holocaustüberlebende genau dies
in Schweizer Schulen und Medien tat, aber leider viel zu früh starb –
vielleicht hätte sie durch ihre Persönlichkeit und Überzeugungskraft den
heutigen Schweizer Antisemitismus und Antiisraelismus wenigstens teilweise
beeinflussen können.
Jetzt habe ich mir als nächstes Projekt vorgenommen die Hasis-Brüder mit
ihrem Verein „Olivenbaum“, der den israelischen Minderheiten den Holocaust
und seine Auswirkungen auf das jüdische Volk erklären will, mit Said Abu-Shakra
bekannt zu machen. Said hält von Politik nicht allzu viel, ist aber
Realist genug zu wissen, dass man ohne sie nicht auskommt. Aber er streckt
seine Hand in Freundschaft zu uns Juden aus und integriert sie in seine
eigenen Aktivitäten, ist zudem Pädagoge und kennt die seine, die arabische,
Gesellschaft – es gibt zwischen Hani und seinen Brüdern und Said gewisse
Parallelen, die genutzt werden könnten.
Übrigens, vor einer Woche erzählte mir Hani über seinen Grossvater, der
bei Ausbruch des israelischen Unabhängigkeitskrieges von der arabischen
Führung den Befehl erhielt auf die Soldaten der jüdischen Hagana, der
frischgebackenen israelischen Armee zu schiessen. Man habe ihm genau den
Ort vorgeschrieben, wo dieser Angriff hätte stattfinden sollen. Statt
dessen sei Opa Hasisi zu Abba Choushi gegangen, dem damaligen
Bürgermeister von Haifa, der auch für die Hagana im Norden des Landes
verantwortlich war. Aba Choushi sei in diesen Tagen im Spital gelegen und
dort hätten die zwei ihre Entscheidungen getroffen. Sie seien
übereingekommen, dass die Drusen sich aus allen Feindseligkeiten heraus
halten und in ihren Dörfern bleiben würden. Deshalb seien keine Drusen
geflüchtet und sie hätten sich inzwischen im jüdischen Staat erfolgreich
integriert.
Heute fand ich in der Wochenendbeilage meiner Hauszeitung „Haaretz“ genau
diese Geschichte wieder, eingebettet in die Beschreibung eines anderen
Mitgliedes des Hasisi Clans. Dort stand auch, dass dieses Abkommen viele
in Galiläa ansässige Araber an der Flucht gehindert habe, denn sie waren
darin miteingeschlossen und liessen sich daher vom arabischen Oberkommando
nicht zur Flucht überreden. Soweit frühe israelische Staatsgeschichte, die
ich allerdings nicht recherchiert habe, doch Hani Hasisi, seinem
Grossvater und der Zeitung „Haaretz“ voll vertraue. |