Uris Tagebuch


22.4.2004 – Holocaust, Politiker und israelische Frühgeschichte

Gestern fuhren wir zu Dritt nach Tel Aviv. Zusammen mit Hani Hasisi und seinem Bruder Malek aus Daliat Al-Carmel, fuhr ich zu Ephraim Sneh, Knessetmitglied, gelernter Arzt, ehemaliger General, Transportminister, Vizeverteidigungsminister und Mitglied der Arbeitspartei. Heute ist er, ausser seinem Parlamentsmandat, arbeitslos. Doch hat er ein schönes, wenn auch sehr enges Büro mit drei Angestellten. Der Zweck des Besuches war mir nicht ganz klar, er war im Zusammenhang mit dem Holocaustprojekt der Hasisi-Brüder – sie wollen politische Unterstützung und die Kontakte prominenter Politiker nutzen. Hani ist Mitglied der Zentrale der Arbeitspartei, kennt die meist überalterte Parteiführung und will diese informieren. Ich nehme mir immer wieder vor, nicht persönlich in einer drusisch-arabischen Holocaust Organisation in Erscheinung zu treten, hätte deshalb wohl nicht mit fahren sollen, doch die Neugier übermannte mich – ich habe Gelegenheit ein paar prominente Politiker des Landes kennenzulernen, sie bei Vornamen nennen zu dürfen und mit ihnen Kaffee zu trinken. A propos Kaffee trinken – wir sind nun dazu zu Shimon Peres eingeladen. Ob das wirklich stattfinden wird, werden wir sehen, der nächste Besuch ist nächste Woche beim Knessetmitglied Itzchak Herzog.

Zurück zu Ephraim Sneh. Wir fanden ihn eingeklemmt hinter einem riesigen Schreibtisch, der fast die Hälfte der Bürofläche einnahm. Eng war es, Ephraim Sneh konnte sich aus seinem Direktorenstuhl kaum erheben, doch er tat es dennoch, denn Ephraim ist ein höflicher Mensch. Erst erklärte er uns die Pläne seiner Partei zurück an die Macht zu kommen. Das Projekt 2007 (2007 sind die nächsten ordentlichen Knessetwahlen) beinhaltet vor allem die Verjüngung der Parteispitze und der Parlamentskandidaten für diese Wahlen. „Es muss auch ohne Ephraim (Sneh), ohne Fuad (Ben Elieser), ohne Ramon und sogar ohne Shimon (Peres) gehen", sagte er. Nach den nächsten Wahlen seien 30% der Knessetabgeordneten neu und jung“, sagte Ephraim Sneh. Immerhin hin hat er genügend Selbstironie, sich hier einzuschliessen. Es scheint ihn nicht auf einen sofortigen Ministerposten zu drängen, er scheint sich damit abgefunden zu haben.
Auch als ich ihm sagte, ich sei bisher eigentlich Meretzwähler gewesen (Meretz ist die linkste aller Parteien, was aber in diesem Land nicht allzu viel heisst), meinte er, das sei ihm egal und er respektiere das. Ephraim (ich darf ihn duzen) wollte zuallererst wissen, ob wir für den Holocaustverein Geld brauchen und nahm erstaunt zur Kenntnis, dass dies wenigstens vorläufig nicht der Fall sei. Mein Argument, dass die Drusen für ihre Aktivitäten kein Geld aus jüdischen Kreisen annehmen sollten verstand er nicht. Ob ihm meine Erklärung, dass damit den Drusen mit einer Behauptung aus arabischen Kreisen, sie seien von uns Juden abhängig und gesteuert ein Strick gedreht werden könnte, verstand er nicht. Allerdings wurde ich auf dem Heimweg von Hani und Malek plötzlich doch verstanden, aber da zur Zeit Finanzielles kein Thema ist, wird es nicht sehr diskutiert. Später vielleicht, wenn alles läuft und die Aktivitäten akzeptiert sind, kann auch ich meine Meinung revidieren. Ephraim schlug vor Zeugen des Holocausts in arabische Schulklassen einzuladen, dort Zeugnis abzulegen und es durch Filme darüber zu belegen. Das sei die effektivste und überzeugendste Art und Weise, die arabische Gesellschaft Israels (die gemäss Hani den Holocaust zu 80% leugnet) über ihre Kinder den Fakten des Holocausts zu stellen. Mir kam dabei Erika Rothschild aus Zürich in den Sinn, die vor Jahren mit viel Erfolg als Holocaustüberlebende genau dies in Schweizer Schulen und Medien tat, aber leider viel zu früh starb – vielleicht hätte sie durch ihre Persönlichkeit und Überzeugungskraft den heutigen Schweizer Antisemitismus und Antiisraelismus wenigstens teilweise beeinflussen können.

Jetzt habe ich mir als nächstes Projekt vorgenommen die Hasis-Brüder mit ihrem Verein „Olivenbaum“, der den israelischen Minderheiten den Holocaust und seine Auswirkungen auf das jüdische Volk erklären will, mit Said Abu-Shakra bekannt zu machen. Said hält von Politik nicht allzu viel, ist aber Realist genug zu wissen, dass man ohne sie nicht auskommt. Aber er streckt seine Hand in Freundschaft zu uns Juden aus und integriert sie in seine eigenen Aktivitäten, ist zudem Pädagoge und kennt die seine, die arabische, Gesellschaft – es gibt zwischen Hani und seinen Brüdern und Said gewisse Parallelen, die genutzt werden könnten.

Übrigens, vor einer Woche erzählte mir Hani über seinen Grossvater, der bei Ausbruch des israelischen Unabhängigkeitskrieges von der arabischen Führung den Befehl erhielt auf die Soldaten der jüdischen Hagana, der frischgebackenen israelischen Armee zu schiessen. Man habe ihm genau den Ort vorgeschrieben, wo dieser Angriff hätte stattfinden sollen. Statt dessen sei Opa Hasisi zu Abba Choushi gegangen, dem damaligen Bürgermeister von Haifa, der auch für die Hagana im Norden des Landes verantwortlich war. Aba Choushi sei in diesen Tagen im Spital gelegen und dort hätten die zwei ihre Entscheidungen getroffen. Sie seien übereingekommen, dass die Drusen sich aus allen Feindseligkeiten heraus halten und in ihren Dörfern bleiben würden. Deshalb seien keine Drusen geflüchtet und sie hätten sich inzwischen im jüdischen Staat erfolgreich integriert.
Heute fand ich in der Wochenendbeilage meiner Hauszeitung „Haaretz“ genau diese Geschichte wieder, eingebettet in die Beschreibung eines anderen Mitgliedes des Hasisi Clans. Dort stand auch, dass dieses Abkommen viele in Galiläa ansässige Araber an der Flucht gehindert habe, denn sie waren darin miteingeschlossen und liessen sich daher vom arabischen Oberkommando nicht zur Flucht überreden. Soweit frühe israelische Staatsgeschichte, die ich allerdings nicht recherchiert habe, doch Hani Hasisi, seinem Grossvater und der Zeitung „Haaretz“ voll vertraue.


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Paul Uri Russak, 66, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.


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