Uris Tagebuch

22.10.2003
 

Ich reibe mir noch immer die Augen über den im Tachles publizierten Essay von Prof. Alfred Donath, dem Präsidenten der SIG. Leitet er eine Revolution ein, beginnt das Zeitalter der Zivilcourage unter dem Establishment des Schweizer Judentums? Kompromisslos nennt Herr Donath den Antizionismus das was er heute wirklich ist, nämlich Antisemitismus in Reinkultur. Ich bin begeistert und leiste für frühere Zweifel an diesem Mann Abbitte. Doch jetzt muss der SIG diese Aussage weiter konsequent mit Taten untermauern und konsequent auftreten. Ich weiss nicht, wie diese neue Situation entstanden ist - vielleicht hat Herr Donath und die Leitung der SIG (ich nehme nicht an, dass dieser Essay im Alleingang entstanden ist) erkannt, dass mit Duckmäusertum nichts erreicht wird. Wenn nun der SIG grundsätzlich für den Zionismus und für das Recht von uns Juden, für uns selbst einzustehen, eintritt, kann er und das Schweizer Judentum mit gutem Gewissen und sauberer Weste auch die momentane Politik der israelischen Regierung kritisieren, die wahrhaftig nicht über alle Zweifel erhaben ist. Die Politik von Israels Regierungen (und schon gar nicht der heutigen) darf kein Tabuthema sein. Israels Regierungen sind nicht der jüdische Staat, nicht "Zionismus", sondern nur dessen Verwalter für eine bestimmte Zeitspanne.

Noch ein Vorschlag: der SIG sollte abwägen, ob nicht Frank Lübke für die Aufgabe des PR-Verantwortlichen der SIG gewählt werden sollte. Er besitzt die nötige Erfahrung, Mut und, so denke ich, Prioritäten in vernünftiger Reihenfolge.

Mich nimmt wunder, ob mein Gratulationsschreiben ans Tachles publiziert wird. Sicherheitshalber sei es hier wiedergegeben:

Lieber Herr Prof. Donath

Für Ihren Essay in der Tachles Ausgabe 42 zum Thema Antizionismus danke ich Ihnen von ganzem Herzen. Lange habe ich auf diesen Moment gewartet: ein führender (nein, der führende) Vertreter des Schweizer Judentums hat öffentlich zum Thema Antisemitismus und Antizionismus, kurzum zum Thema Israel und Schweizer Juden, Stellung bezogen. Nicht nur dass Sie es getan haben, sondern auch wie Sie es getan haben bringt Ihnen, Herr Donath, in den Augen zahlreicher Schweizer Juden in Israel, den Respekt zurück, den das jüdische Establishment in den Augen vieler verloren hat. Die Zeit des diskreten "nur keine Wellen schlagen", die Furcht für Israel und Zionismus öffentlich Stellung zu beziehen, ohne sich hinter der Politik jeweiliger Regierungen apologetisch zu verstecken, die Zeit, sich Fehltritte israelischer Regierungen öffentlich zu schämen, statt für das Existenzrecht des jüdischen Staates einzustehen, die Zeit in der der Kampf um Koscherfleisch Priorität hatte vor dem Kampf des jüdischen Staates um sein Überleben und seine Anerkennung, diese Zeiten, so verstehe ich Ihre Zeilen, sind vorbei.

Ich hoffe, dass Sie mit Ihrem Beitrag als Präsident des SIG ein neues Selbstbewusstsein des Schweizer Judentums einläuten und für dieses, genau so wie für die Juden in Israel und wo immer sie leben, öffentlich und nicht nur hinter hervorgehaltener Hand einstehen werden. Auf Worte sollten nun Taten folgen, in der Schweizer Öffentlichkeit und innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Ihr PR-Beauftragter hat, so hoffe ich, von Ihnen den entsprechenden Auftrag dazu erhalten und wird ihn auch entsprechend kompetent und furchtlos ausführen. Das Schweizer Judentum mit Rückgrat soll von führenden Schweizer Juden mit ebensolchem Rückgrat vertreten und geführt werden. Den Ton dazu, lieber Herr Donath, haben Sie vorgegeben.

Mit freundlichen Grüssen, Paul Uri Russak



Lea und ich waren heute beim Coiffeur. Wir machten uns schön, denn morgen haben wir wieder einmal Besuch. Nili und Jacov Sandler kommen, ich bin dieser Tage in einem Pilzrisottoschwung und ein Pilzrisotto mit Salat werden sie bekommen. Die beiden lebten einige Jahre in Zürich, Jacov war dort Sicherheitschef der EL AL. Wir wohnten zwei Jahre lang im selben Haus in Zürich-Seebach und blieben seither freundschaftlich verbunden. Jacov war eine Wahlperiode lang Bürgermeister von Rechovot, doch sonst als Sicherheitsberater tätig und lebt nicht schlecht davon. Wir haben die beiden einige Monate nicht mehr gesehen und freuen uns auf den Besuch.
 


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Paul Uri Russak, 66, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.