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Ich reibe mir noch immer die Augen über den im Tachles
publizierten Essay von Prof. Alfred Donath, dem Präsidenten der SIG.
Leitet er eine Revolution ein, beginnt das Zeitalter der Zivilcourage
unter dem Establishment des Schweizer Judentums? Kompromisslos nennt Herr
Donath den Antizionismus das was er heute wirklich ist, nämlich
Antisemitismus in Reinkultur. Ich bin begeistert und leiste für frühere
Zweifel an diesem Mann Abbitte. Doch jetzt muss der SIG diese Aussage
weiter konsequent mit Taten untermauern und konsequent auftreten. Ich
weiss nicht, wie diese neue Situation entstanden ist - vielleicht hat Herr
Donath und die Leitung der SIG (ich nehme nicht an, dass dieser Essay im
Alleingang entstanden ist) erkannt, dass mit Duckmäusertum nichts erreicht
wird. Wenn nun der SIG grundsätzlich für den Zionismus und für das Recht
von uns Juden, für uns selbst einzustehen, eintritt, kann er und das
Schweizer Judentum mit gutem Gewissen und sauberer Weste auch die
momentane Politik der israelischen Regierung kritisieren, die wahrhaftig
nicht über alle Zweifel erhaben ist. Die Politik von Israels Regierungen
(und schon gar nicht der heutigen) darf kein Tabuthema sein. Israels
Regierungen sind nicht der jüdische Staat, nicht "Zionismus", sondern nur
dessen Verwalter für eine bestimmte Zeitspanne.
Noch ein Vorschlag: der SIG sollte abwägen, ob nicht Frank Lübke für die
Aufgabe des PR-Verantwortlichen der SIG gewählt werden sollte. Er besitzt
die nötige Erfahrung, Mut und, so denke ich, Prioritäten in vernünftiger
Reihenfolge.
Mich nimmt wunder, ob mein Gratulationsschreiben ans Tachles publiziert
wird. Sicherheitshalber sei es hier wiedergegeben:
Lieber Herr Prof. Donath
Für Ihren Essay in der Tachles Ausgabe 42 zum Thema Antizionismus danke
ich Ihnen von ganzem Herzen. Lange habe ich auf diesen Moment gewartet:
ein führender (nein, der führende) Vertreter des Schweizer Judentums hat
öffentlich zum Thema Antisemitismus und Antizionismus, kurzum zum Thema
Israel und Schweizer Juden, Stellung bezogen. Nicht nur dass Sie es getan
haben, sondern auch wie Sie es getan haben bringt Ihnen, Herr Donath, in
den Augen zahlreicher Schweizer Juden in Israel, den Respekt zurück, den
das jüdische Establishment in den Augen vieler verloren hat. Die Zeit des
diskreten "nur keine Wellen schlagen", die Furcht für Israel und Zionismus
öffentlich Stellung zu beziehen, ohne sich hinter der Politik jeweiliger
Regierungen apologetisch zu verstecken, die Zeit, sich Fehltritte
israelischer Regierungen öffentlich zu schämen, statt für das
Existenzrecht des jüdischen Staates einzustehen, die Zeit in der der Kampf
um Koscherfleisch Priorität hatte vor dem Kampf des jüdischen Staates um
sein Überleben und seine Anerkennung, diese Zeiten, so verstehe ich Ihre
Zeilen, sind vorbei.
Ich hoffe, dass Sie mit Ihrem Beitrag als Präsident des SIG ein neues
Selbstbewusstsein des Schweizer Judentums einläuten und für dieses, genau
so wie für die Juden in Israel und wo immer sie leben, öffentlich und
nicht nur hinter hervorgehaltener Hand einstehen werden. Auf Worte sollten
nun Taten folgen, in der Schweizer Öffentlichkeit und innerhalb der
jüdischen Gemeinschaft. Ihr PR-Beauftragter hat, so hoffe ich, von Ihnen
den entsprechenden Auftrag dazu erhalten und wird ihn auch entsprechend
kompetent und furchtlos ausführen. Das Schweizer Judentum mit Rückgrat
soll von führenden Schweizer Juden mit ebensolchem Rückgrat vertreten und
geführt werden. Den Ton dazu, lieber Herr Donath, haben Sie vorgegeben.
Mit freundlichen Grüssen, Paul Uri Russak
Lea und ich waren heute beim Coiffeur. Wir machten uns schön, denn morgen
haben wir wieder einmal Besuch. Nili und Jacov Sandler kommen, ich bin
dieser Tage in einem Pilzrisottoschwung und ein Pilzrisotto mit Salat
werden sie bekommen. Die beiden lebten einige Jahre in Zürich, Jacov war
dort Sicherheitschef der EL AL. Wir wohnten zwei Jahre lang im selben Haus
in Zürich-Seebach und blieben seither freundschaftlich verbunden. Jacov
war eine Wahlperiode lang Bürgermeister von Rechovot, doch sonst als
Sicherheitsberater tätig und lebt nicht schlecht davon. Wir haben die
beiden einige Monate nicht mehr gesehen und freuen uns auf den Besuch.
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Paul Uri Russak, 66,
gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche
Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf
Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist
gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine
Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas
nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte
befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und
englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des
zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und
arabischen Bürgern Israels ein.
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