Uris Tagebuch


20.6.2004 – Religiöser Blutdurst und anderer Käse


Gestern Abend sass ich mit Freunden in unserem Garten. Avi Melamed, Philosophieprofessor an der Uni Haifa kam, aus Gründen, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, auf die Albigenser zu sprechen, die vor achthundert Jahren im südfranzösischen Languedoc von den Kreuzrittern abgeschlachtet worden waren. Ich kann mich noch klar erinnern einige schlaflose Nächte während einem Ferienaufenthalt in dieser wunderschönen Gegend verbracht zu haben, nachdem ich, was ich immer und überall tue, über die lokale Geschichte nachgelesen hatte. Ich fand den Ausspruch "Tötet sie alle, denn Gott erkennt die Seinen", des Anführers dieser Kreuzritter, Abt Arnaud-Amaury, nachdem einige seiner Männer wissen wollten, ob alle, Katholiken und „ketzerische“ Albigenser, wahllos abgeschlachtet werden sollten.
Warum komme ich darauf? Heute früh fuhr ich wieder einmal am Restaurant Maxim in Haifa vorbei. Dieses arabische Lokal wurde im vergangenen Jahr zum Ziel einer Selbstmordbomberin. Das Restaurant gehört einer christlich-arabischen Familie und wird von israelischen Juden und Arabern gerne besucht. Genau oben genannter Ausspruch kam mir in den Sinn, denn Araber wurden genau so umgebracht, wie alle anderen, nur mit dem Unterschied, dass sie posthum und ungefragt zu Märtyrern ernannt wurden. Das gleiche gilt für die arabischen „Zufallsopfer“ in anderen israelischen Lokalen, in öffentlichen Autobussen, an der Bushaltestelle bei der Stadteinfahrt zu Umm El-Fahm und in den heutigen Tagen in Saudiarabien und im Irak. Ich denke es ist die selbe Geisteshaltung, die von den christlichen Kreuzrittern in ihrer Zeit (das hier beschriebene geschah 1209) von islamistisch-jihadistischen Kreisen in die heutige Moderne übernommen worden ist. Der selbe perverse Glaube an die Exklusivität der eigenen Religion, der selbe Hass auf alle die anders sind, die selbe Freude am Töten, der selbe religiöse Wahnsinn, der vor nichts halt macht und das Leben schlechthin als Wegwerfware sieht. Die Kreuzritter mussten mit dem Nachteil leben, dass es zu ihrer Zeit noch kein weltweites Mediennetz gab, welches solche „News“ „live“ vermittelt und es einer Menge sonderbar veranlagten Menschen ermöglicht, Massenmord zu „verstehen“ und, wie es in westlichen Ländern geschieht, die Opfer zu Tätern zu stempeln. Anders ist der rabiate Antiisraelismus/Antisemitismus und Antiamerikanismus dieser Tage nicht zu verstehen.
Im übrigen produziert das heutige Languedoc/Roussillon hervorragende und preiswerte Weine. Wieder sassen wir heute Abend in unserem Garten. Leas Schwester Shulamit und ihr Mann Dov sind bei uns. Dazu gesellten sich Howard and Dora, die vor fünf Tagen aus Ma’ale Adumim, einem in der Westbank gelegenen Vorort Jerusalems
nach Zichron Ya’akov, keine zweihundert Meter von uns entfernt, zogen. Schon wieder war Star des Abends ein Brie, der von Lenny Hirsh, dem Vorsitzenden der Krebsliga und hauptberuflich Käsefabrikant, hergestellt wird. Vor kurzem brachte er uns zwei riesige Laibe Brie, jeder fast 1,5 Kilo schwer sowie einen grossen Chèvre. Der Brie riecht reif und fliesst. Noch ist uns nicht ganz klar, wie lange wir daran essen werden, doch mit den vielen Gästen der vergangenen und kommenden Tage werden wir das schaffen.


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Paul Uri Russak, 66, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.


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