Uris Tagebuch

 

19.2.2005 – Die Kunst um den Brei herumzureden

Vor zwei Tagen besuchte ich in Jerusalem einen Paneltalk im wunderschönen American Colony Hotel. Das Thema war „Menschenrechte in Kriegszeiten“, organisiert war der Anlass vom Konrad Adenauer Institut zusammen mit der Hebräischen Universität und der Al-Quds Universität. Nach einem sachlichen Vortrag über Scharfschützen der israelischen Armee von Professor Ben-Ari der Hebräischen Universität, der vor allem über die menschliche und sachliche Einstellung dieser Scharfschützen zu ihrer Aufgabe sprach, kamen zwei palästinensische Teilnehmer zum Wort. Der eine sprach über die „menschlichen Bomben“, der andere, ein Mitarbeiter der UNO-Kommission für Menschenrechte, über die Menschenrechtsverletzungen Israels in den besetzten Gebieten. Obwohl sie sich akademisch kühl gaben, verfielen beide Vortragende ins übliche Klagen über die Machtlosigkeit der Palästinenser gegenüber Israel und dem Rest der Welt und die Weigerung für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Einige der Hauptpunkte waren die Feststellung, dass palästinensische Gewalttätigkeit von der eigenen Gesellschaft genehmigt wird, also Teil der Kultur sei und der gängigen palästinensischen Praxis und Lebensart entsprächen (Abu Farha). Vorsichtig meinte Abu Harbieh, der UN-Vertreter, dass man über Menschenrechte getrost zweier Meinungen sein könne. Eine Erklärung dazu gab er nicht, sagte aber, dass überall die Internationalen Menschenrechte Vorrang vor lokalen Gesetzen hätten. Dann kam die Feststellung, dass gemäss der Menschenrechts-Konvention Besatzungsmächte die Pflicht hätten, die Bevölkerung des besetzten Gebietes zu schützen und materiell vor Not zu unterstützen. Auf der anderen Seite hingegen, dürfe ein besetztes Volk sich gegen seine Besatzer wehren. Soweit so gut, solange es sich um militärische Aktionen handelt. Ins heisse Wasser geriet er durch die Frage, ob denn Massentötungen auf israelische Zivilisten innerhalb der Grünen Linie, als Aufstand gegen die israelische Besetzung der Westbank und des Gazastreifens zu gelten habe. Eine klare Antwort blieb uns versagt, mit dem Hinweis, dass mangels palästinensischer Macht ein Gleichgewicht der Macht nicht möglich sein und deshalb von einem Gleichgewicht des Terrors und der Furcht ersetzt worden sei. Doch gestand er immerhin zu, dass Besatzung allein kein Grund für Terror sei. Damit steht er vielleicht im UN-Lager off-side, da in den Menschenrechts- und anderen Gremien menschliche Bomben gegen Zivilpersonen (wenn überhaupt) als legale Widerstandsmassnahme gegen die Besatzungsmacht diskutiert wird. Praktisch gesehen sollen, so Abu-Harbieh, müssen Drahtzieher des palästinensischen Terrors, wie diejenigen, die bisher von der israelischen Armee liquidiert worden sind, von den palästinensischen Behörden verhaftet und wegen Menschenrechtsverletzungen abgeurteilt werden. So sehe es das internationale Menschenrechtsgesetz vor. Alles andere, wie die (nicht immer) punktuelle Liquidation dieser Leute, sei ungesetzlich. Aber eben, Israel habe die palästinensischen Behörden mit seinen militärischen Massnahmen lahmgelegt und diese können deswegen gegen die Terroristenführung nicht einschreiten. Im Endeffekt ist Israel also selbst schuld, dass seine Zivilbevölkerung umgebracht wurde und es mit legalen Mitteln nichts dagegen tun könne. Unsinn kennt keine Grenzen!

In der Kaffeepause, vor dem Fragestellen sprach ich mit einen deutschen Journalisten. Er gehe nach Hause, sagte er, er habe genug vom sich ewig wiederholenden palästinensischen Gejammer. Militärische Scharfschützen, die es in jeder Armee gibt, sollen im Einsatz Menschenrechte verletzen und Massenmord, wie menschliche Bomben und andere Versuche der Opfermaximierung gegen israelische Zivilisten seien dagegen legal? Besatzungsmächte hätten Pflichten gemäss Genfer Konvention – aber müssen sich ihre Bürger deswegen „legal“ killen lassen, weil, würden sie sich wehren, dies nach internationalem Gesetz illegal wäre? Zudem sei die Begründung des Selbstmord-Terrorismus als kulturelle Eigenschaft der Palästinenser ein Unsinn sondergleichen – bevor in den frühen neunziger Jahren die menschlichen Bomben in Mode kamen, war diese „Kultur“ noch kein Thema. Ich denke allerdings, dass Semantik für keinerlei Erklärung oder Entschuldigung des Terrors herhalten darf, wie immer er begründet wird.

Wie immer wenn, ich einen interessanten Menschen kennen lerne, nehme ich ihn mir im Internet vor. Der oben erwähnte Journalist heisst Ulrich Sahm, lebt schon dreissig Jahre im Land und betreibt, bei aller Kritik, nicht den üblichen Waschlappenjournalismus. Anbei ein Vortrag, der mir gefiel und hier per Link zur Lektüre empfohlen sei: „Antisemitismus, Deutsche Medien und der Nahostkonflikt“.

Ich fuhr nicht allein nach Jerusalem, sondern liess mich von Howard chauffieren. Er und seine Frau Dora, die beide wie durch ein Wunder den Anschlag in der Jerusalemer Pizzeria Sbarro überlebten (Tagebucheintrag vom 1.11.2004) wollten einmal hören, wie ihnen ein so nahestehendes Thema wie Terror „akademisch“ behandelt wird. Beide sind heute nationalistisch gesinnt und an ihrem Auto flattert seit dem kürzlich erfolgten Besuch im Gazastreifen ein oranges Fähnchen, mit dem gegen den Abzug aus Gaza – Scharons feinstem Projekt – protestiert wird. Aber Wunder über Wunder, nach Jerusalem fuhren wir ohne diese politische Aussage – vielleicht hätte man uns ins American Colony Hotel nicht eingelassen. Howard fiel nur einmal einem Sprecher ins Wort und wurde von seiner Frau zurechtgewiesen. Beide wollen zum nächsten Anlass dieser Serie von Panelgesprächen wieder kommen.


Zum Archiv Uris Tagebuch
 

Paul Uri Russak, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.


Zurück