Uris Tagebuch

17.10.2003
 

"Juden haben Sozialismus, Kommunismus, Menschenrechte und Demokratie entdeckt, um sich vor Verfolgung zu schützen und Kontrolle über die mächtigsten Länder der Welt zu erlagen. ... Juden regieren die Welt durch Stellvertreter. Sie lassen andere für sich kämpfen". Diese sympathischen Worte sprach gestern Premierminister Mahatir von Malaysia, vor Führern der islamischen Welt, die Christen Putin (Russland) und Arroyo (Philippinen) waren Gäste. Sie kämpfen beide in ihren Ländern mit islamischen Fundamentalisten. Menschenrechte und Demokratie sind für den Islam von heute ein Rotes Tuch, soweit verstehe ich den Ausbruch. Herr Mahatir erhielt eine Standing Ovation. Es ist nicht das erste Mal, dass er antisemitisches Gedankengut von sich gab. Schon ist die Relativierung dieser an sich klaren Aussage durch seinen Aussenminister eingetroffen: es sei nicht so gemeint und niemand solle beleidigt sein. Wie "unser" Rabbi Ovadia Josef, der öfters ähnlichen Mist über Nichtjuden von sich gibt, der dann, nach obligatem öffentlichem Aufschrei, von einem seiner Adlaten als missverstanden erklärt und entschärft wird.

Mahatir ist Geschäftsführer eines der Tigerländer Südostasien, auch wenn sein GNP noch nicht an jene von Japan, Singpore, Südkorea und Taiwan heranreicht. Kein mittelöstlicher Staat kann sich mit diesen Ländern messen, nicht einmal die reichen Ölstaaten, deren Reichtum schlussendlich nicht auf eigener Arbeit und Kreativität, sondern auf eigene Bodenschätze und die Kreativität und Arbeit anderer beruht Im Gegensatz zu allen arabischen Ländern, hätte er es nicht nötig andere - in diesem Fall Juden - für eigene Missstände andere Verantwortlich zu machen. Deshalb ist nicht verständlich, warum er auf den arabischen Antisemitismuszug aufspringt. Die Tigerstaaten Ostasiens sind das genaue Gegenteil der arabisch-islamischen Jammerstaaten: auch sie haben eine kolonialistische Geschichte - doch statt sich dahinter zu verstecken und sie als Ausrede für das totale gesellschaftliche und wirtschaftliche Versagen eines ganzen Volkes (man lese den verheerenden UNO-Bericht 2002 über die soziale Entwicklung der arabischen Welt) zu benutzen, haben die Tigerstaaten in vielem ein westliches Niveau erreicht und nehmen an der Moderne teil. Man denke an Japan, Südkorea, Taiwan, Singapur, auch Malaysia wird bald einmal zu diesem Club gehören.

Wir bekommen neue Nachbarn, Dora und Howard Green aus Amerika. Dora hat Politikwissenschaften studiert und hat ganz feste politische Ansichten, die mit den meinen nicht immer übereinstimmen. Diese um sich greifende Verhärtung politischer Meinungen zu nationaler Überheblichkeit, ist eines der Resultate der vergangenen gewalttätigen Jahre. Es ist schwierig, nicht davon angesteckt zu werden, ausgesetzt, wie wir sind dem Terror und dem allumfassenden Hass, der uns über die Grenze entgegenschlägt. Der massenmordende grundsätzliche Judenhass, vom europäischen Nationalsozialismus in die Welt gesetzt hat, wird von unseren Feinden adoptiert und weiterführt, kostet fast täglich Opfer und macht es vielen hier schwer, freundliche Gedanken für eine gemeinsame Zukunft zu entwickeln. Dazu kommt, dass Dora und Howard bisher in Ma'ale Adumim, einem Vorort Jerusalems, gewohnt haben, der eigentlich zur Westbank gehört, aber eingemeindet worden war. Dort sei es langweilig, die Kinder sind zu weit weg und überhaupt, hier in Zichron Ya'akov sei es netter, es sei etwas los und die Restaurants sind vorzüglich. Howard hat viel mit mir gemeinsam, auch er isst gerne. Ich kochte gestern Abend ein Pilzrisotto, mit gedörrten Steinpilzen, frischen Champignon. und echtem Parmesankäse. Dazu einen schweren Merlot aus Galiläa. Es blieb wenig übrig, Howard füllte seinen Teller zweimal nach. Ich habe gekvelt, stolz wie eine Jiddische Mamme. Howard war über 40 Jahre Schuldirektor, pensioniert und sitzt in Aufsichtsräten karitativer Organisationen. Demnächst fliegt er nach Malta, wo es anscheinend eine jüdische Gemeinde gibt. Mit seiner Frau Dora habe ich nun ein Betätigungsfeld (keine Missverständnisse bitte), sie auf den Kurs des mittleren Weges, des Weges der Vernunft, weg von makkabäischem Fanatismus zu führen, der mit Heldentum begann, in Bürgerkrieg ausartete und in den Händen Roms endete.

Zum Schluss ein kleines Bijou:

Der grosse Islamwissenschafter Bernard Lewis schreibt in seinem neuen Buch "What went wrong?" eine wertungsfreie differenzierte Erklärung des kleinen Unterschiedes zwischen dem Westen und dem Mittleren Osten: "Der Unterschied zwischen mittelöstlichem und westlichem Wirtschaftsdenken kann an ihren jeweiligen charakteristischen Formen der Korruption, von der beide nicht frei sind, erkannt werden. Im Westen macht man Geld auf dem Markt und benützt es um Macht und Einfluss zu gewinnen. Im Orient erobert man die Macht und benützt diese Geld zu machen". (Übersetzung Uri).


 


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Paul Uri Russak, 66, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.