Uris Tagebuch


13.5.2004 – hat Huntington doch recht?


In meinem Leben hat sich in den letzten Monaten eine Kaffeehauskultur entwickelt. Bis zweimal die Woche treffe ich mich mit einem meiner Freunde in einem der Kaffeehäuser Zichron Ya’akovs, meist vormittags. Wir reden über das tägliche Leben, Politik und persönlichen Ziele unserer Tätigkeiten. Heute Vormittag war ich mit Hani Hasisi beim „Deutschen“, einem Lokal an der lokalen Flanierviertelmeile, gestern war ich mit Adam in einem Café neben der Carmel Kelterei, ganz ruhig gelegen und mit einer Keramikgalerie in der oberen Etage. Wenn ich mit Adam ausgehe, gibt es Apfelkuchen in irgend einer Form. Im Café Bären (Dubim) gibt es Apfelstrudel in Portionen, mit denen man eine Familie ernähren könnte. Manchmal treffe ich mich mit Baruch, wenn sich dieser vom Computer losreissen lässt, an dem er weit mehr sitzt als ich, meist überflüssige Nachrichten mit mehrtägiger Verspätung zusammenstellt und in die USA sendet.
Mit Hani dem Drusen, sprach ich über die israelischen Araber, zu denen er sich entfernt zugehörig fühlt, auch wenn er überzeugter Zionist ist. Wenn die arabischen Bürger, ihre Städte und Dörfer von der Regierung proportionell weniger Budget für ihre Infrastrukturen bekämen, sei das nicht er Hauptgrund für ihre schlechten Strassen, vernachlässigten Schulen und schlecht funktionierende Abfallentsorgung. Sogar zur Zeit der Regierung Itzchak Rabins, als das Geld in grosser Menge zu den arabischen Stadt- und Dorfregierungen geflossen sei, sei es diesen zwischen den Fingern versickert. Arabische Bürger und vor allem ihre Politiker, hätten nie gelernt mit öffentlichen Geldern umzugehen, grosse Teile seien korrupt und hätten wenig Sinn fürs Gemeinwohl – über das traditionsbedingte Fehlen einer „Civil Society“ wurde ich schon von Said Abu-Shakra belehrt. Da ich immer wieder von jüdischen Israelis (darunter ein Bürgermeister, der es wissen sollte) belehrt worden bin, dass arabische Bürger ihre Lokalsteuern nicht zahlen (ein Hauptargument gegen die arabisch-israelische Gemeinschaft), brachte ich diese Frage bei Hani an. Ich dachte bisher, dass diese Behauptung eines der Delegitimierungsargumente für jene jüdischen Israelis sei, die prinzipiell alles arabische ablehnen. Doch, wurde ich belehrt, es stimme, da in vielen Fällen gewählte Lokalpolitikern ihren Wählern die Arnona (Lokalsteuern) individuell erlassen, damit der damit schmierende Politiker wieder gewählt würde - kein Kompliment zum arabischen Demokratieverständnis. Der zweite Grund sei, dass es in der arabischen Gesellschaft mehr Armut gäbe, als unter uns Juden (was statistisch bestätigt ist) und drittens, dass arabische Bürger, unabhängig von der Höhe ihres Einkommens sehr oft in sehr grossen quadratmeterreichen Häusern wohnen. Die Arnona wird nach Zahl der Quadratmeter Wohnfläche bestimmt und so gehe die Steuerrechnung für viele nicht auf und könne nicht bezahlt werden.
Im Verein „Olivenbaum“ hat Hanis Bruder Kamal, Oberstleutnant a.D., die Planung übernommen. Das sollte „Action“ bewirken, drusische Militärs sind nicht als zimperlich, sondern als forsch bekannt. Etwas Zack-Zack wird in diesem Fall nicht schaden. Täglich erhalte ich Anrufe, deren Hauptthema gerade die jüdischen Siedler auf der einen und die palästinensischen Leichenschänder auf der anderen Seite sind. Die palästinensischen Terroristen fahren neuerdings auf einer Welle echter militärischer Aktionen, wie die zwei explodierten gepanzerten Militärtransporter zeigen. Wir sind im Krieg, was viele nicht wahrhaben wollen und es finden auch von terroristischer Seite Aktionen statt, die man nicht als Terroranschläge abtun kann. Die darauf hin erfolgte Leichenschänderei, der versuchte palästinensische Handel mit Leichenteilen israelischer Soldaten, die Ermordung und Zerschiessung einer Mutter mit ihren vier Kleinkindern und der restliche Massenterror gegen israelische Frauen und Kinder oder wenn wir in den Irak schauen, die gefilmte Köpfung eines jüdischen Menschen (schon der Zweite, Daniel Pearl starb im ebenfalls muslimischen Pakistan), das sind offenbar Besonderheiten im zwischenmenschlichen Umgang in der muslimischen Welt, die wohlwollend zuschaut. Die amerikanische und englische Behandlung gefangener Irakis in einem Gefängnis, das früher Saddam Hussein zur Sonderbehandlung seiner eigenen Bevölkerung diente, so schlimm es ist, wird von der gesamten Welt mit Getöse verurteilt – die Betrachtungsweise arabischer gegenüber amerikanischer oder israelischer Obszönitäten könnte unterschiedlicher nicht sein. Mehr als darauf hinweisen kann ich nicht. Der einzige Schluss könnte sein – doch bin ich nicht sicher – dass die muslimische Welt ihr bestes tut, Professor Samuel P. Huntington recht zu geben.


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Paul Uri Russak, 66, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.


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