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Es gibt,
neben Themen wie gestern, auch angenehmes zu berichten. Vor zwei Tagen
sass ich mit Shlomo Rattner zusammen. Er ist 76 Jahre alt und seit 1947 in
Zichron Ya’akov. Shlomo hat den Holocaust überlebt, seine Eltern und sechs
seiner sieben Geschwister sind umgekommen. Ein Durchschnittüberlebender.
Solche Schicksale finden viele in Israel und überall, wo es Juden gibt.
Wenn man sie einzeln kennen lernt, wird jedes einzelne dieser Schicksale
personifiziert. Die sechs Millionen werden dann zu sechs Millionen
Einzelfällen. Zu Kriegsende war Shlomo in Auschwitz und
dort wurde er befreit. Heute ist er mit einer Jemenitin verheiratet, hat
eine Tochter und ist Grossvater. Direkt vom nahen Atlit, wo er von den
Engländern für einige Monate als illegaler Einwanderer eingesperrt war,
kam er nach Zichron Ya’akov. Er begann eine Weinkarriere, fing auf dem
damals noch einzigen lokalen Rebgut Carmel, als Traubenpflücker an und
hörte 1986 als Generaldirektor eines Grossunternehmens auf. Nach seiner
Pensionierung arbeitete er noch einige Jahre bei Tishbi, dem zweiten
lokalen Weinproduzenten. Auf meine Frage, warum der israelische Wein erst
seit seiner Pensionierung trinkbar geworden sei, meinte er trocken, es
habe halt kein Bedarf an guten koscheren Weinen gegeben. Shlomo war
Mitglied der Stadtregierung und verlor die Wahlen vor zwanzig Jahren, als
er Bürgermeister werden wollte.
Statt dessen steht er dem Zichron Ya’akover Wohltätigkeitsverein vor, in
dem auch die Leiterin des städtischen Fürsorgeamtes einsitzt. Shlomo ist
klein, hat schneeweisse Haare und ist trotz schwerer Erkrankung noch
voller Leben. Er darf noch nicht wieder Auto fahren – das ärgert ihn. Sein
hauptsächliches Projekt ist dieser Verein sowie die Errichtung eines
Parkes zur Erinnerung an die Schoa. Diesen Park gibt es schon, ich wusste
es nicht, trotzdem er in unserer Nähe liegt und ich auf Patrouille schon
ungezählte Male daran vorbeigefahren bin. Der Erinnerungspark besteht aus
einem Denkmal, auf dem die Namen verlorener Familienmitglieder von Bürgern
in Zichron Ya’akov und Umgebung stehen.
Der Park ist ein kleines Amphitheater, damit die Anlage nicht nur
rückwärtsgerichtet sondern, so empfinde ich es, auch durch Anlässe mit
Leben erfüllt wird. Doch wird noch immer an der Gartenanlage gearbeitet
und das Denkmal selbst ist noch unfertig – es fehlt noch etwas Geld. Das
Thema Schoa lässt dessen Überlebende nie mehr los, eine oft gemachte
Erfahrung. Ich habe gelernt, mich einzufühlen und versuche
nachzuvollziehen, wie diese geprüften Menschen heute funktionieren, und
mehr als nur überlebten, sondern oft aber nicht immer, aus ihrem alten
Leben ein neues erfolgreiches, aufbauten ohne zu zerbrechen. Für uns
Schweizer Juden, die die Nazizeit als Zuschauer auf Bewährung aussassen,
ist dieses Einfühlen nicht immer leicht, denn es wird von einigen als
Gefahr empfunden, mehr jüdisch als schweizerisch zu denken, statt in einer
Verbindung von beidem, eine Einstellung, die seit Ausbruch der
Bankenaffäre vor wenigen Jahren und heute wegen Israel wieder aktuell ist
und einigen Angst einflösst (jetzt bin ich wieder einmal abgeschweift).
Was auch immer, in Shlomo Rattner habe ich einen sympathischen Mann
gefunden, der, wenn auch nicht mehr hundert Prozent fit, noch immer voll
mitzieht, statt herumzusitzen und in die Glotze zu schauen. Zudem spricht
er hervorragendes Hebräisch, drückt sich gut darin aus und hat etwas zu
sagen.
In meinen Tagebucheintrag vom 19.7.2001 steht folgendes:
„Gestern Abend fand in meinem Jazzclub Bluesette ein ganz besonderer
Auftritt statt. Es sang ein junger Mann mit Namen David Daor. Er sang mit
hohen Tenorstimme (wie früher die Kastraten, zu denen er offensichtlich
nicht gehört, da er einen Ehering trug) Haydn, Jazz, italienische
Opernarien und auch Volkslieder. Er war fabelhaft und auch mein Freund
Walo Kuhn war zutiefst beeindruckt. Noch tiefer beeindruckt waren die
vielen Zuhörerinnen. Das weibliche Geschlecht war in massiver Überzahl,
die Damen fast aller Altersstufen starrten den Sänger anbetend und
andächtig an. Es war wie mit den Boys Bands und den Teenies, ausser, eben,
hier sassen auch viele Damen mittleren Alters, die sich nicht anders
benahmen wie 15-jährige. Neben uns sass eine junge Frau, die sogar feuchte
Augen hatte, doch stellte sich nach Abschluss des Konzertes heraus, dass
dies die Ehefrau des Sängers war. Das Konzert war nicht nur schön, sondern
auch eindrücklich.“
Den Abend mit ihm auf einem hohen Barstuhl sitzend a cappella singend,
habe ich noch heute im Ohr. Heute wird das Volk informiert, dass David
Daor der Vertreter Israels am nächsten Eurovision Wettbewerb in Istanbul
sein wird. Sein künstlerisches Ansehen in Israel ist seit dem Konzert im
Bluesette weiter gestiegen. Man wolle, hat die betreffende Kommission
gesagt, keinen Schreier, sondern einen Sänger, der richtig Musik macht.
Man könnte sprachlos werden über soviel Mut. Dieses Eurovisionstheater
verfolgen wir alle paar Jahre, als wäre es ein Sportanlass, denn mit Musik
hat es ja nicht viel zu tun. David Daors fast klassisch anmutende Lieder
an einem Popkonzert, das wird interessant. |