|
In meinem Tagebucheintrag vom 24. Mai 2003 beschrieb
ich die Vernissage in Said Abu-Shakras Kunstgalerie in Umm El-Fahm, an der
600 Menschen teilnahmen. Am vergangenen Samstag, fand dort wieder eine
Vernissage statt, eine Keramikausstellung wurde eröffnet, in der die
Arbeiten eines Seminars über Keramik ausgestellt wurden, das vor einigen
Wochen in Umm El-Fahm durchgeführt wurde, eine ganze Woche dauerte und von
Juden, Arabern, ausländischen Teilnehmern und Künstlern besucht worden
war. An dieser Vernissage konnten wir nicht teilnehmen, doch gestern
erzählte mir Said davon. Es seien noch mehr Gäste gekommen wie im Mai, es
habe ein künstlerisches Programm gegeben und die ganze Stadt Umm El-Fahm
habe ihn unterstützt. Auf meine Frage, was er damit meine, sagte er mir
offen, dass im Rahmen der Sparmassnahmen der Regierung deren Unterstützung
für kulturelles, besonders aus dem arabischen Sektor, auf Null gesunken
sei. Also organisierte er eine Sammelaktion in seiner Stadt, mit
erstaunlichen Resultaten. Dazu muss ich etwas ausholen.
Vor einer Woche schrieb ich über einen Zeitungsbericht über Umm El-Fahm,
in der die sich ändernde Einstellung der Araber dieser Stadt gegenüber
ihrem Leben als israelische Bürger leise und vorsichtig ankündigte. Es war
zu erkennen, dass die Bürger dieser Stadt den Sicherheitszaun zwischen
Israel und den besetzten Gebieten, der direkt Umm El-Fahm vorbeiführt, gar
nicht so übel finden, auch wenn sie sich nicht wagen, allzu offen darüber
zu reden. Ein überzeugender Beweis dieser Einstellung war im Zusammenhang
mit dem Hilferuf Saids an seine Mitbürger zu erkennen. Schecks für bis zu
vierstelligen Summen trafen ein, die Umm El-Fahemer bekochten bei sich zu
Hause die Vernissage. Es gab warmes Essen, Salate und all die feinen Dinge,
die der arabischen Küche eigen sind - für rund 700 Menschen. Es scheint,
dass die Bürger von Umm El-Fahm (oder wenigstens sehr viele von ihnen)
daran arbeiten, ihr Image in der israelischen Gesellschaft zu verbessern
und selbst die Hand in Freundschaft zu uns Juden im Land ausstrecken. Dazu
dürfen wir sie auf keinen Fall entmutigen oder gar diese Hand zurückweisen.
Said Abu-Shakra braucht Unterstützung, auch von jüdischer Seite, denn was
er aufbaut geht uns alle an.
Wir erhalten die schweizerische jüdische Wochenzeitung Tachles jede Woche
und jede Woche mit arger Verspätung. Deshalb behelfe ich mir mit der
Tachles Internet Website. Heute gefiel mir Jacques Ungar's Editorial. Er
beschreibt genau und mit viel Gefühl wie Israelis, Juden wie er und ich (ich
behaupte wir repräsentieren vorläufig noch die Mehrheit) uns fühlen, wie
wir hin und her gerissen sind zwischen Denken und reflexartigem Abscheu
gegen alles palästinensische, ob mit islamistischem Massenmord
sympathisierend oder diesen ablehnen, aber nicht den Mut aufbringen, dies
öffentlich zu sagen. Jacques veranschaulicht das Wechselbad der Gefühle,
mit dem wir leben. Er sucht den anderen Araber, den es bestimmt gibt, sich
aber kaum zu erkennen gibt. Bestenfalls kommt mir Sari Nusseibeh in den
Sinn. Wir Juden dürfen uns nicht vom allumfassenden Hass palästinensischer
und arabischer Gewalttäter und ihrer Ideologen gegen alles das anders ist
als sie selbst, anstecken und zum jüdischen Spiegelbild ihrer selbst
werden lassen - denn sonst sind wir von ihnen, den Hassern, nicht mehr zu
unterscheiden. Der antijüdische Terror ist ein Hauptproblem der heutigen
Zeit, aber nicht existenziell und darf nicht zu Identitätsproblemen von
uns Juden werden. Existenzielle Gefahr birgt die Art und Weise wie wir
damit umgehen.
|
|
Paul Uri Russak, 66,
gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche
Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf
Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist
gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine
Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas
nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte
befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und
englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des
zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und
arabischen Bürgern Israels ein.
|