Uris Tagebuch

10.10.2003
 

In meinem Tagebucheintrag vom 24. Mai 2003 beschrieb ich die Vernissage in Said Abu-Shakras Kunstgalerie in Umm El-Fahm, an der 600 Menschen teilnahmen. Am vergangenen Samstag, fand dort wieder eine Vernissage statt, eine Keramikausstellung wurde eröffnet, in der die Arbeiten eines Seminars über Keramik ausgestellt wurden, das vor einigen Wochen in Umm El-Fahm durchgeführt wurde, eine ganze Woche dauerte und von Juden, Arabern, ausländischen Teilnehmern und Künstlern besucht worden war. An dieser Vernissage konnten wir nicht teilnehmen, doch gestern erzählte mir Said davon. Es seien noch mehr Gäste gekommen wie im Mai, es habe ein künstlerisches Programm gegeben und die ganze Stadt Umm El-Fahm habe ihn unterstützt. Auf meine Frage, was er damit meine, sagte er mir offen, dass im Rahmen der Sparmassnahmen der Regierung deren Unterstützung für kulturelles, besonders aus dem arabischen Sektor, auf Null gesunken sei. Also organisierte er eine Sammelaktion in seiner Stadt, mit erstaunlichen Resultaten. Dazu muss ich etwas ausholen.

Vor einer Woche schrieb ich über einen Zeitungsbericht über Umm El-Fahm, in der die sich ändernde Einstellung der Araber dieser Stadt gegenüber ihrem Leben als israelische Bürger leise und vorsichtig ankündigte. Es war zu erkennen, dass die Bürger dieser Stadt den Sicherheitszaun zwischen Israel und den besetzten Gebieten, der direkt Umm El-Fahm vorbeiführt, gar nicht so übel finden, auch wenn sie sich nicht wagen, allzu offen darüber zu reden. Ein überzeugender Beweis dieser Einstellung war im Zusammenhang mit dem Hilferuf Saids an seine Mitbürger zu erkennen. Schecks für bis zu vierstelligen Summen trafen ein, die Umm El-Fahemer bekochten bei sich zu Hause die Vernissage. Es gab warmes Essen, Salate und all die feinen Dinge, die der arabischen Küche eigen sind - für rund 700 Menschen. Es scheint, dass die Bürger von Umm El-Fahm (oder wenigstens sehr viele von ihnen) daran arbeiten, ihr Image in der israelischen Gesellschaft zu verbessern und selbst die Hand in Freundschaft zu uns Juden im Land ausstrecken. Dazu dürfen wir sie auf keinen Fall entmutigen oder gar diese Hand zurückweisen. Said Abu-Shakra braucht Unterstützung, auch von jüdischer Seite, denn was er aufbaut geht uns alle an.

Wir erhalten die schweizerische jüdische Wochenzeitung Tachles jede Woche und jede Woche mit arger Verspätung. Deshalb behelfe ich mir mit der Tachles Internet Website. Heute gefiel mir Jacques Ungar's Editorial. Er beschreibt genau und mit viel Gefühl wie Israelis, Juden wie er und ich (ich behaupte wir repräsentieren vorläufig noch die Mehrheit) uns fühlen, wie wir hin und her gerissen sind zwischen Denken und reflexartigem Abscheu gegen alles palästinensische, ob mit islamistischem Massenmord sympathisierend oder diesen ablehnen, aber nicht den Mut aufbringen, dies öffentlich zu sagen. Jacques veranschaulicht das Wechselbad der Gefühle, mit dem wir leben. Er sucht den anderen Araber, den es bestimmt gibt, sich aber kaum zu erkennen gibt. Bestenfalls kommt mir Sari Nusseibeh in den Sinn. Wir Juden dürfen uns nicht vom allumfassenden Hass palästinensischer und arabischer Gewalttäter und ihrer Ideologen gegen alles das anders ist als sie selbst, anstecken und zum jüdischen Spiegelbild ihrer selbst werden lassen - denn sonst sind wir von ihnen, den Hassern, nicht mehr zu unterscheiden. Der antijüdische Terror ist ein Hauptproblem der heutigen Zeit, aber nicht existenziell und darf nicht zu Identitätsproblemen von uns Juden werden. Existenzielle Gefahr birgt die Art und Weise wie wir damit umgehen.

 


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Paul Uri Russak, 66, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.