Uris Tagebuch
 

8.11.2003 – Revolutionäres von der römisch-katholischen Kirche und der Trennungszaun
 

Vor kurzer Zeit wurde „mein“ Jazzclub Bluesette endgültig geschlossen. Zwar habe ich ihn seit vielen Monaten nicht mehr besucht und noch länger auch nichts mehr für ihn getan – früher übersetzte ich die Programme in die englische Sprache, organisierte und nahm an Jam Sessions teil, führte Auditionen durch und machte Gourmetproben in der Küche – im Laufe der Zeit wurde es mir zu laut, denn sogar gepflegter Mainstream Jazz oder eine singende Folklore Gruppe (was es zwischendurch auch gab) wurde über die Verstärkeranlage so überlaut, als wäre es Hardrock oder R&B an einem Open Air Konzert, dass ich einfach nicht mehr ertrug zuzuhören. Mir wurde erklärt, dass dies in Israel so gewünscht werde, wohl nach dem Motto „laute Leute in einem lauten Land wollen laute Musik“. Der zweite Grund war der, dass die Gigs einfach viel zu spät begannen, normalerweise bequemten sich die Musiker nicht vor halb elf auf die Bühne, meist sogar noch später.
Meine Proteste halfen nichts. Schade, das Bluesette ist ein schönes, stilvolles Lokal, in das Zigi sehr viel investiert hat. Mit der „Lage“ im Land hat das traurige Ende wenig zu tun, denn die Auslastung des Lokals war nicht schlecht, doch drei bis vier Tage in der Woche sind kommerziell nicht tragbar. Dazu sind die Fixkosten zu hoch und Zigi konnte auf die Länge den mit so viel Liebe geschaffenen Club nicht länger subventionieren. Jetzt ist in Zichron nur noch das Cabaret da, weit kleiner als das Bluesette und deshalb nur für Kleinstformationen und Kleinkunst benutzbar. Die im Sommer im Hinterhof durchgeführten Konzerte wurden nach elf Uhr von der Polizei nicht mehr geduldet – die Stadtregierung (die alte) hatte für die Förderung lokaler Kultur in der Touristen- und Weinstadt Zichron Ya’akov kein Verständnis. (Vielleicht ändert sich das nun mit den neuen Leuten im Stadthaus). Immerhin, gestern Abend waren Dani Schürch, sein Neffe Kobi und  ich im Cabaret, es spielten der Kontrabassist Udi Kazimirsky und ein mir bekannter Schlagzeuger, der jedoch Vibraphone spielte, recht hübsch doch technisch unbedarft und unfähig zu improvisieren. Als Drummer gefällt er mir besser. Dan Cahn, der Pianist, den ich seinerzeit im Cabaret einführte und dem es gelang für das Minilokal ein Klavier zu organisieren, sass neben uns im Publikum. Bassgeige und Vibraphone füllten die kleine Bühne, für einen Stuhl am Klavier war kein Platz mehr da.
Es gibt auch anderes zu berichten:
Meine beste Freundin sandte mir einen Presseausschnitt, der revolutionär in seiner mutigen Aussage ist:
 

Kardinal vergleicht islamischen Antisemitismus mit NS-Ideologie
 

Rom, 6.11.03 (Kipa) Der italienische Kardinal Roberto Tucci hat den in der islamischen Welt verbreiteten Antisemitismus mit der Ideologie des Nationalsozialismus verglichen.

In einem am Donnerstag ausgestrahlten Interview mit Radio Vatikan sagte Tucci, es gebe heute in der gesamten islamischen Welt eine "Erziehung zu einem wahrhaft verbissenen Antisemitismus der schlimmsten Art". Er komme gleich nach dem Antisemitismus des Nationalsozialismus oder sei diesem sogar ebenbürtig. Die Erziehung zu dieser Haltung durchdringe die Medien und die Schulen in der islamischen Welt, beklagte der Kardinal.

Tucci äusserte sich auch zu der jüngsten EU-Umfrage zum Antisemitismus in Europa. Er sagte, die dabei zu Tage getretene Aversion gegen Israel vor allem in Nordeuropa sei ein Alarmsignal dafür, dass es auch unter einigen Schichten der christlichen Bevölkerung
Antisemitismus gebe.

(kipa/r/job)


Aus dem fernen Kanada erhielt ich einen Artikeln von Yossi Klein Halevi, dem Autor des Buches „At the Entrance to the Garden of Eden“ ( A Jew's Search for Hope with Christians and Muslims in the Holy Land), in dem er wunderschön seine Bemühungen und Erfahrungen um religiöses Verständnis zwischen Christen, Juden und Muslims in Israel, Gazastreifen und der Westbank beschrieb. Mit Beginn des Blutbades, das von den Palästinensern einer Friedensregelung vorgezogen wurde, brachen seine Verbindungen zu Geistlichen über der Grünen Linie ab, vor allen deshalb, weil sie von den Islamisten und der PA unter lebensbedrohenden Druck gesetzt wurden. Yossi ist auf seine Art religiös, ein offener Mensch, ein Sucher, der findet und dann grosse Teile des gefundenen wieder verliert. Das Buch ist auch heute noch lesenswert.
Yossi, ein enttäuschter Oslo-Anhänger, schreibt in Englisch über den „Zaun“, bringt die selben Fakten und ähnliche Betrachtungen wie ich, auch wenn er etwas nationaler denkt. Er bringt aber auch andere Erkenntnisse, von denen ich hier einige übersetzt wiedergeben will, auch wenn ich nicht mit allem einverstanden sein muss:
 

  • Über das Sicherheitsargument für den Zaun hinaus, findet er genau die von israelischer Seite abgestrittene Begründung attraktiv: dessen politische Botschaft. Der Zaun symbolisiert das Gelernte, nämlich dass die gewalttätige palästinensische Absage an den Frieden vor drei Jahren nicht nur ein Rückschlag eines umfassenden Friedensabkommens war, sondern die Absage an umfassende Friedensabkommen überhaupt. September 2000 war ein historischer Wendepunkt, nicht weniger entscheidend als November 1947, als die arabische Welt den Teilungsplan der UNO ablehnte.
  • Die Trennung der Westbank-Palästinenser von den israelischen Palästinensern ist ein entscheidendes Nebenprodukt des Zauns. Während den 1990er Jahren übersiedelten zehntausende Westbank-Palästinenser illegal nach Israel und leben heute im „Dreieck“ und in Galiläa. Diese Einwanderung wird durch den Trennungszaun unterbunden und ist Teil des israelischen Bemühens, seine jüdische Mehrheit im Lande zu erhalten. Dies sei, so zitiert Yossi Klein Halevy einen Vertreter des Verteidigungsministeriums, einer der Gründe, warum palästinensische Führer über den Zaun so wütend sind.

  • Die veritable Hässlichkeit des Zaunes – eine Narbe in der pastoralen Landschaft – macht ihn zum treffenden Symbol dieses grotesken palästinensischen Krieges. Die tiefste Sehnsucht der palästinensischen Gesellschaft sei nicht der Aufbau eines eigenen Staates, sondern die Zerstörung des Nachbarstaates. (Diese harte Behauptung deckt sich mit Resultaten verschiedener Umfragen, in der bis zu 70% der Palästinenser ihren Massenterror in Israel befürworten, und diesen sogar nach der Gründung eines eigenen Staates weiterführen wollen).

  • Falls ein Wunder passiert und die Versöhnung würde Realität? In der Tat, dann kann der Zaun abgebrochen oder verlegt werden. Die Berliner Mauer ist nach vielen Jahrzehnten auch gefallen und sie war eine Mauer und kein Zaun.

Zusammenfassend bestätigt Yossi Klein Halevy meine eigene, schon früher ausgedrückte Überzeugung, dass die Gewalttätigkeit der palästinensischen Gesellschaft für diese einen Preis hat. Der Trennungszaun ist ein Teil davon.


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Paul Uri Russak, 66, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.