Uris Tagebuch
 

7.3.2004 - Islamischer Faschismus und andere Betrachtungen

In den Fünfzigerjahren absolvierte ich eine Verlagsbuchhändlerlehre im Zürcher Europa Verlag bei Emmie Oprecht, kurze Zeit nachdem ihr Mann, Dr. Emil Oprecht, verstorben war. Es war eine Zeit, an die ich gerne zurückdenke. Zwar war ich vorher schon eine Leseratte, doch diese Zeit unter Büchern, Literaten und Bühnengrössen hat mich geprägt, auch wenn ich das (wie anderes) erst Jahrzehnte später realisierte und richtig zu schätzen lernte. Auch die Literaturklassen von Dr. Wehrli, bei dem ich – wie alle anderen auch - ausschliesslich die Bestnote 6 erhielt, muss Spuren hinterlassen haben.

Warum ich mich gestern Abend daran erinnerte? Emil Oprecht, Sozi und Unternehmer in einem, ist auch heute mein Vorbild für Zivilcourage in schweren Zeiten geblieben, ein Mensch, der persönlich Verantwortung für sein Tun übernahm und jahrelang die Folgen dafür trug. Er war wohl der sichtbarste Vertreter des Schweizerischen Widerstandes gegen die Nazibarbarei, er wurde schon weit vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bedroht – nicht nur aus Nazideutschland und von Fröntlern, sondern auch von der Schweizer Regierung, die aus Angst, Opportunismus oder Charakterschwäche antinazistische Aktivitäten, Menschenrettungsmassnahmen und die Publikation antinazistischer Literatur zu unterdrücken suchte.
Doch Emil Oprecht rettete die deutschsprachige Kultur in die Schweiz. Lesbares in dieser Sprache kam im einzigen noch freien deutschsprachigen Land, der Schweiz, heraus, das Zürcher Schauspielhaus wurde zum führenden deutschsprachigen Theater. Zürich wurde zur Heimat grosser deutscher Kulturschaffender, des Buches und der Bühne. Emil Oprecht war in vorderster Front dafür verantwortlich und nahm in Kauf dafür mit Gefängnis und Berufsverbot bedroht zu werden, dass das Schaufenster seiner Buchhandlung an der Rämistrasse (leider inzwischen eingegangen, mit etwas jüdischem Geld hätte dieses Denkmal des zivilen Anstands gerettet werden können) wiederholt eingeschlagen worden war, dass sein Leben und das seiner Familie und Freunde bedroht wurde
Warum bringe ich solch alte Geschichten aufs Tapet? Weil sich alles zu wiederholen scheint. Der Faschismus blüht heute in islamistischer, oder, um eine noch neuere Bezeichnung zu benutzen, jihadistischer Form wieder auf, seine Sympathisanten, die „neuen Fröntler“ rekrutieren sich in aus der extremen Linken und der extremen Rechten, wie auch aus der unbedarften Mitte, die Angst vor der Pflicht haben, wieder denken zu lernen und lieber ins unreflektierte „Gutmenschentum“ abstürzt, wo es keine Grauzonen mehr gibt und alles ordentlich in Tiefschwarz oder Reinweiss auszumachen ist. Das gilt dieser Tage für die Feindbilder der „bösen Amerikaner“ und „Israelis“ (sprich Juden), man konzentriert sich auf den Irak und Israel/Palästina, Länder, in denen es verglichen mit anderen Krisengegenden der Welt, wie Afrika, Afghanistan, Sudan, Algerien, Kolumbien ....., fast noch friedlich zu geht. Die 5-6 Millionen Israelis, die sich gegen ein Meer von mehreren hundert Millionen Arabern erfolgreich und mit Nachdruck wehren und behaupten (die Alternative dazu ist einzig die totale Vernichtung), werden in (bewusster?) Verkennung der Tatsachen, als „Kolonialisten“ und Besetzer dargestellt, als Inbegriff des Bösen. Bernard Lewis, der grosse Islamexperte der Princeton University findet dafür eine Erklärung, die ich hier wiedergeben möchte, in eigener Übersetzung (eine bessere gibt es wohl in der deutschen Ausgabe seines Buches „The Crisis of Islam“). [Unterstreichungen und Klammern sind von mir].
Here we go:

Israel ist einer der vielen Gegenden - Nigeria, Sudan, Bosnien, Kosovo, Mazedonien, Tschetschenien, Sinkian [China], Kashmir, Timor, Mindanao etc. – wo die islamische und die nichtislamische Welt aufeinander trifft. Jeder dieser Konflikte ist ein zentrales Thema für die Betroffenen und eine ärgerliche Ablenkung für andere. Bürger des Westens, im Gegensatz dazu, nehmen diese Konflikte sehr ernst und hoffen, sie auf Kosten anderer lösen zu können. Aus verschiedenen Gründen findet der Israel-Palästina Konflikt weit mehr Interesse als die anderen. Warum?. Erstens ist Israel eine Demokratie, eine offene Gesellschaft, in der es weit leichter ist als Journalist über das Geschehen zu berichten – auch falsch zu berichten. Zweitens, geht es um Juden, eine Tatsache die bedeutendes Interesse unter denen weckt, die aus verschiedenen Gründen für oder gegen sie sind. Ein gutes Beispiel für diesen Unterschied war der Irak-Iran Krieg der acht Jahre lang von 1980 bis 1988 stattfand und unvergleichlich mehr Tod und Vernichtung hervorbrachte, als alle arabisch-israelischen Kriege zusammen, aber weit weniger Interesse fand.
Für das eine, ist weder der Irak noch Iran eine Demokratie und es war weit schwieriger und gefährlicher von dort zu berichten. Zudem hatte das ganze mit Juden nichts zu tun, weder als Opfer noch als Täter, und deshalb waren Berichte von weniger Interesse. Der dritte, und schlussendlich wichtigste Grund für die Popularität des Palästinakonfliktes ist die Tatsache, das dieser „lizenzierte“ Konflikt der einzige ist, über den frei und sicher in jenen muslimischen Ländern berichtet werden darf, in denen die Medien entweder ganz in staatlichem Besitz stehen oder von der Regierung streng überwacht werden. In der Tat, Israel dient als Blitzableiter für alle Klagen über die wirtschaftliche Not und politische Unterdrückung, in der die muslimischen Völker leben und leitet diese daraus entstandene Wut ab. Diese Methode wird von der innenpolitischen Szene Israels stark unterstützt, denn dort werden alle Missetaten der Regierung, der Siedler oder anderen sofort an den Pranger gestellt und Lügen werden schnell als solche durch israelische Kritiker, Juden und Araber, in den israelischen Medien und im Parlament entlarvt. Israels Feinde leiden kaum unter solchen Hindernissen in ihrer „öffentlichen “ Arbeit.
Womit ich diesen Lehrgang abschliesse.


Da ich noch immer sehr wenig aus dem Haus komme, gibt es leider wenig über zwischenmenschliches zu berichten. Besuche fehlen zwar nicht und freuen mich immer, doch bringe ich es fertig alle paar Tage etwas länger am Computer zu sitzen. So rostet das Hirn nicht ein. Mein nächstes Ziel ist am 20. März an der Vernissage der Umm El-Fahm Galerie und Kunstschule teilzunehmen. Meine Aktivitäten für Beziehungen und zum gegenseitigen Verständnis zwischen uns Juden und arabischen wie drusischen israelischen Freunden sind mir wichtig, auch wenn es Leute gibt, die glauben ich sei verrückt, selbstmörderisch veranlagt, oder gar, wie einer (ein Gutmensch) meinte, ich würde es aus „paternalistischen“ Beweggründen tun.
Auf die Idee, dass jemand etwas nur deshalb tut, weil er Menschen grundsätzlich gern hat, ist noch kaum einer gekommen. Noch etwas kulinarisches: in unserem lokalen Restaurant Aroma (zugegeben, es ist nicht ganz billig), gibt es selbstgemachte Tagliatelli mit verschiedenen Saucen und auch Ravioli, besonders mit Frischspinatfüllung, ein Gedicht. Auch verschiedene Meeresspezialitäten, wie Coquilles Saint Jacques sind zu empfehlen, der Weinkeller ist nicht riesig aber gut – nur der Médoc ist es teuer. 

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Paul Uri Russak, 66, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.


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