Uris Tagebuch
 

4.11.2003 – Die ausgestreckte Hand
 

Wir haben Besuch aus der Schweiz. Daniel Schürch, ein alter Freund aus Zürich und Israelaktivist der ersten Stunde. Er gehört dem Vorstand der Gesellschaft Schweiz-Israel an, der eben das Land besuchte. Dani verbringt ein paar Tage in Zichron Ya’akov, das ihm, wie kann es anders sein, sehr gefällt. Nach zwei Tagen mit mir, weiss er was ich tue, wie wir wohnen und dass wir uns hervorragend eingelebt haben.
Heute wurde er von mir nach Umm El-Fahm zu Said Abu-Shakra geschleppt. Said war zufällig gerade da – meist ist er nur an Wochenenden zu Hause, er arbeitet in Jerusalem. Dani und ich sprachen mit ihm in englischer Sprache und erfuhren neues: wie ich schon vor einigen Wochen berichtete scheint Umm El-Fahm gemerkt zu haben, dass es mit Saids Aktivitäten eine Attraktion grosser Qualität hat, die dem üblen Ruf dieser Stadt als Zentrum des israelischen Islamismus entgegenwirkt. Die attraktive Kunstgalerie, sein persönliches Engagement, mit dem er uns Juden zu gemeinsamer künstlerischer Arbeit, Freundschaft zur Schaffung eines friedlichen Neben- und Miteinander einlädt und damit Erfolg hat, zeigt nun auch Wirkung auf lokaler, nicht nur nationaler Ebene. Wie schon bei der kürzlich stattgefundenen Eröffnung der Keramikausstellung, zu der Bürger Umm El-Fahms sich mit Geld und Kochen für die 700 Gäste beteiligten, findet nun die Stadtregierung, sie müsse etwas für ihren Bürger Said Abu-Shakra tun, der seinen Ruf nicht als Gefängnisinsasse sondern als Vermittler zwischen Juden und Arabern errungen hat. Zudem ist Said hauptberuflich höherer Polizeioffizier, der sich mit Jugendkriminalität abgibt. Vor zwei Wochen offerierte ihm die Stadt die zwei obersten Stockwerke eines modernen Geschäftshauses in zentraler Lage. Total sind das schätzungsweise über 2000 Quadratmeter (ich bin ein schlechter Schätzer, vielleicht sind es auch mehr) mit dazugehörender enormer Terrasse. Darin wird Saids Galerie, die Kunstschule, die Theaterschule mit 100 Sitzplätzen, ein kleines Museum sowie eine kleine Cafeteria mit Kiosk Platz finden.
Die Kosten der Renovationsarbeiten werden von der Stadt Umm El-Fahm übernommen – arbeitslose Bauarbeiter gibt es dort genügend. Mit mehr Platz für die Schule, wird Saids Sozialarbeit unter der örtlichen Jugend ausgedehnt werden können. Er holt diese von der Strasse in seine Kunstschule und bietet statt der Strasse die Alternative kreativen Schaffens, statt wie die Jungen nutzlos herumzuhängen, der Kriminalität, Drogen und extremistischen Ideologien zu verfallen oder wie die Mädchen, deren persönliche Freiheiten mehrheitlich eingeschränkter sind, ebenso nutzlos zu Hause gehalten werden, bis die Familie ihnen einen Mann gefunden hat. Bisher hat Said das für 900 Kinder geschafft. Das Ganze steht gar nicht im Einklang mit reaktionären islamistischen Idealen: moderne Kunst, gemeinsame Aktivitäten von Jungen und Mädchen, modernes Theater (in einigen Wochen findet Erstaufführung von „Dornröschen“ statt), aktive Interaktion und Freundschaften zwischen arabischen und nicht arabischen Teilnehmern und Instruktoren an Kunstseminaren und Vernissagen, die aus ganz Israel und zum Teil sogar aus dem Ausland anreisen. All das findet seit über vier Jahren statt, ist keine Utopie, sondern Wirklichkeit, die Unterstützung verdient.
Wieder einmal wiederhole ich: es gibt eine ausgestreckte israelisch-arabische Hand, die uns Juden zur Zusammenarbeit und Freundschaft einlädt. Vielleicht gibt es neben Said und seinen Freunden noch weitere arabische Bürger Israels, die solche Initiativen ergriffen haben – wenn dem so ist, bin ich froh. Mit erstaunlicher Beharrlichkeit realisiert Said Abu-Shakra seine Träume. Erst war es die Galerie, die er mit der Ausstellung von Yoko Ono Ende l999 in die Schlagzeilen brachte. Dann die Errichtung der Kunstschule, deren Ziele ich weiter oben beschrieben habe. Die neue Lokalität war eigentlich nicht geplant, sie ergab sich, so scheint mir, aus der Dynamik von Saids Arbeit. Jetzt plant er ein internationales Museum arabischer Kunst, für das die Stadt schon ein Grundstück bereitgestellt hat.
Saids ausgestreckte Hand sollte von möglichst vielen Juden ergriffen werden. Aber auch als jemand, der als Araber in Israel „Karriere“ gemacht hat, versteckt er seine Frustrationen über die Situation der Araber Israels nicht, doch er spricht darüber und arbeitet daran, sie durch positive Arbeit zu ändern. Das wird weit länger dauern, als die bisher erzielten Erfolge – wir sollten ihm dabei helfen.


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Paul Uri Russak, 66, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.